
Nun, in anfänglich unglücklicher Unterstellungsannahme des nur oberflächlichen Rezipierens meines Beitrags, scheint die gleich doppelte Fehlinterpretation (es sind ja mithin Interpretationen) Eisewichts & Försters nun wohl doch auf einen missverständlichen, womöglich zu kurz gehaltenen, Ausdruck meiner selbst zurückzuführen zu sein.
Ich kann im Folgenden nicht auf jede Nuance der Antwortbeiträge eingehen, dafür möchte ich mich bereits im Vorfeld entschuldigen. Vielmehr möchte ich ein wenig zur theoretisch wie empirischen Entwirrung des Themas beitragen.
Zur Richtigstellung: Spreche ich von "'Enthemmung' als (sicher) diskutierbares General- Moment jugendlicher Vergesellschaftung (in seinen Wurzeln u.a. auf Rebellionsprozesse zurückführbar), könnte den Zugang damit auch in die Domäne höherer Altersklassen gefunden haben." dann meint dies ganz ausdrücklich, dass gerade das vielleicht idealtypisch hergeleitete jugendliche Enthemmungsmoment (das war der mehr provokant- stimulierende Aufhänger) durch die identische Ausführung der kulturellen Praxis der älteren Generation ganz und gar nicht mehr "rebellisch" ist und damit Nacktheit (hier FKK) ganz und gar nicht mit "Enthemmung" (mehr) zu erfassen ist.
Völlig richtig (für meine Behandlung allerdings nur sekundär von Interesse) ist, dass die FKK Praxis mittlerweile gänzlich ihrem "Überbau" (man könnte sagen symbolisch- appelativen Charakter) entbehrt; Geblieben ist eine 'Hülle', eine schlichte Praxis (in der modernediagnostischen Literatur werden hier so einige Institutionen mit demselben Wandlungsprozess angeführt). Bezogen auf den herangetragenen Aspekt der Tradierung (in primären Sozialisierungsprozessen würde man dann sagen) kulturellen Wissens von Eisewicht ist zu sagen, dass das Phänomen FKK natürlich "vorgelebt" und im Wechselprozess weitergegeben wurde. Jedoch lassen sich in der einschlägigen (jugendsoziologischen, [sozial]pädagogischen und sicher auch neuhistorischen) Literatur verstärkt Hinweise dafür finden, dass implizites kulturelles Wissen inkorporiert wird (natürlich, das ist der Kerngedanke Meads, Schützs, Bourdieus, Giddens, Hagemann-Whites, ja eigentlich jeden [semi]konstruktivistischen Ansatzes/ subjekt- objekt- dualen Ansatz), jedoch die praktische Reaktion der Folgegeneration ("der Jugend" - darauf gehe ich im Folgenden ein) sich de facto selten im Ausführen selbiger KulturPRAKTIKEN der „parent culture“ manifestiert (verständlicherweise - vgl. den völlig zurecht eingeführten Selbstschaffungsgedanken Försters). Eine jede Kultur bietet (ob religiös, politisch oder wie fundiert auch immer) altersphasenspezifische Kulturmodi/ Alltagspraktiken. Dass nun allerdings eine solche (ganz und gar rebellionsfreie, ja zuweilen gar "runzelige" unprätentiöse) Praxis (FKK) nahezu variationslos übernommen wird (DAS war im übrigen meine Kernhypothese/ -attest. Stark hypothetisierend könnte man von ‚Stilkongruenz’ sprechen [das war bisher ganz und gar nicht denkbar!, auch unabhängig von den Einschränkungen Försters, zu denen ich noch komme]), ist hochinteressant; zum einen für die Generationenbeziehung, aber weitreichender noch als Modernediagnostik (partikulare Gemeinschaften; partikulare Interessen; Systemeigenrationalitäten; Auftreten auf Bühne der Gesamtgesellschaft nicht mehr Motivator usw. usw.).
Und hier kommt Förster konkret ins Spiel. Natürlich, das zeigt eindeutig der Blick in die Vergangenheit der letzten knapp 100 Jahre, gab es auch Junggenerationen, welche nicht ein Körnchen Abweichungs- oder gar Rebellionsmotivation mitbrachten (vgl. sog. „unbefangene Jugend“ [Viggo Graf von Blücker] der 60`ger; die 68`er Revolte – Folgegeneration, eine Zeit welche Lasch auch als „Zeitalter des Narzissmus“ bezeichnete; die Ende 70`er „verunsicherte Generation“ (Sinusinstitut) usw. usw.). Oder, wie Eisewicht wunderbar aufzeigte - die auf die juvenilen Gesellschaftsteile übertragbare Desinteresseeinstellung der 'Indie'- Szene; ich möchte es "Apathie- Generation" nennen.
"Kultur machen" bedeutet nicht immer auch "Rebellion" (diese gab und gibt es zuweilen natürlich auch; wir kennen den dafür gebräuchlichen Begriff der ‚Subkultur’ – Es gab und gibt eigenst dafür sog. ‚Jugendsubkulturanalysen’). Förster überdehnt hier allerdings das anthropologische Primat des Kulturzwanges ein wenig. "Kultur machen" bedeutet ebenfalls Adaption, als auch "Fein"- Variation sozialisierten Kulturwissens. Auch REkonstruktion ist Schaffung. Insofern muss ich der argumentativen (im übrigen sehr Habermasianischen) Grundhaltung einer immer und immer wieder zwangsläufig quasiprogrammiert eintretenden "jugendlichen" Rebellion vehement widersprechen, ohne jedoch damit den Selbstschaffungsdrang (wie ich es nennen möchte) einer jeden Nachfolgegeneration auch nur im Ansatz in Frage zu stellen. Denn: auch gesamtgesellschaftliche ‚Apathie’, auch zurückgezogener "Reaktionismus" (bereits Eisewichts Begriff des Reaktionären ist mir zu aktivistisch, zu formiert gedacht) ist eine Selbstschöpfung, sozusagen eine hermetisch, parzellierte. Hier schließt sich der Kreis zum Attest der Moderne, welche in aller Munde nun das allzu leckere Attribut 'Post' erhalten hat. Denn in der Postmoderne westlicher Gesellschaften geht es nicht mehr um gesamtgesellschaftliche Deutungs- bzw. Orientierungsmuster, um das Formieren ganzer Großgruppen (wie etwa "DIE Jugend" wie Förster es noch bezeichnet). Hier geht es um "soziale Welten", um abgegrenzte Gewissenheiten unterschiedlicher Lebenswelten, in welchen Eigenrationalitäten wie auch Eigenirrationalitäten walten. Auf diese Bereiche wurde der Kampf (wenn man überhaupt noch von einem solchen sprechen darf; ich spreche mich für den Begriff der ‚Reaktion’ aus.) vertagt, nur ist es nun ein jeweils innersystemischer. Natürlich ist jedes Subsystem strukturell an die gesellschaftliche Umwelt gekoppelt, so auch z.B. die Szene- Systeme (in Form von Reaktionen eben, z.B. Reaktionen auf die „kranke Gesellschaft“, hier schließe ich mich uneingeschränkt Eisewicht an).
Dieser Parzellierungscharakter (teils eben Rückzug) der postmodernen Gesellschaft lässt sich nun von Jugendgruppen (in den 90`ern noch als ‚Strukturwandel der Jugendphase’ bezeichnet) abheben, ist er doch aus logischer Konsequenz zum gesamtgesellschaftlichen (also soziodemographisch unabhängigen – ich erwähnte dies bereits in meinem ersten Beitrag) Kernspezifikum derselben avanciert. Menschen jeden Alters sind in die Pflicht genommen, die aus der individuellen Freisetzung erwachsene Anomie- vor allem soziale Vereinzelungsgefahr durch selbstinitiierte Vergemeinschaftung entgegenzutreten; Hitzler et al. bieten hier konzeptuell den ‚Szene’- Begriff an. Damit kann auf die Auflösungserscheinung DER „Jugend“ reagiert werden (denn Jugend ist nunmehr altersunabhängig; sog. ‚Entwicklungsaufgaben’ diffundieren in verschiedenste Handlungs- und Lebensphasen; Anforderungen sind Phasenunabhängig zu bewältigen usw.; ich will dies hier nicht weiter ausbauen). Fest steht: Es gibt keine dezidierte Lebensphase Jugend mehr.
Die Folgefragen würden nun aber wirklich den Rahmen sprengen und ich möchte die Beantwortung dieser zunächst vertagen, keinesfalls allerdings vergessen!
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