Donnerstag, 4. September 2008

Exo-Soziologie


Ich habe diesen Eintrag genau so auch auf meinem privaten Blog veröffentlicht, dachte aber, dass er auch hier gut herpassen würde.


So langsam geht mein Studium zu ende und ich muss mir überlegen, was ich mit den restlichen Jahren meines Lebens anfangen will. Neben einigen vernünftigen kommen einem natürlich auch viele absurde Ideen in den Kopf.
Als Science Fiction und Soziologie Fan fällt mir nicht nur bei Star Trek sondern auch bei allen anderen mir bekannten Science-Fiction-Formaten auf, dass Exo-Soziologen dort nicht vorkommen. (In einem Star Trek Roman wird einmal erwähnt, dass Deanna Troi wohl auch Soziologie studiert hat. Aber das kann höchstens ein Semester in ihrem ersten Jahr gewesen sein. OK, uns Soziologen wirft man genauso wie ihr hin und wieder vor nur das offensichtliche offen auszusprechen, aber so ganz ist das ja wohl nicht zu vergleichen :-)) Auch wenn es sicher iinteressant wäre herauszufinden, woran das liegt (wird die Soziologie in der gesellschaftlichen Perzeption immer noch unterschätzt?; impliziert der Begriff "Science Fiction" vielleicht schon, dass nicht-technische Wissenschaften systematisch vernachlässigt werden?), soll dies nicht Thema dieses Eintrags werden.

So kommt es nun, dass ich seit Jahren hin und wieder nach Sci-Fi Abenden im Bett liege und davon träume einmal als Exo-Soziologe mit Colonel Carter und Co. durch das Stargate zu gehen und fremde Kulturen zu untersuchen. Wer hätte gedacht, dass es tatsächlich Soziologen und Kulturwissenschaftler gibt, die sich damit beschäftigen.

Geprägt hat diesen Begriff 1983 der amerikanische Soziologe Jan H. Mejer, der an der Universität Hawaii lehrte. In einem kurzen Aufsatz wollte er diesen Wissenschaftszweig der Soziologie gründen, der folgende drei Aufgaben beschäftigen sollte:

  1. mit der kulturellen Konstruktion von außerirdischen Zivilisationen,
  2. mit den sozialen Folgen der Konfrontation der Menschheit mit außerirdischen Zivilisationen und
  3. der sozialen Organisation solcher Zivilisationen (wenn sie denn einmal entdeckt sein sollten)
Leider scheiterte dieses Programm an fehlendem Interesse der Scientific-Community. Dabei würde die Exo-Soziologie bei einem tatsächlichen First-Kontact plötzlich von der belächelten Nischendisziplin zur am meisten beachteten Wissenschaft des Planeten werden. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass wir mir Außerirdischen Kontakt bekommen? Die meisten Wissenschaftler, die sich mit SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) beschäftigen, sagen: Wenn wir außerirdisches Leben finden, dann mithilfe von Radioteleskopen, denn eine Reise bis hier her würde viel zu lange dauern. Also bliebe dieser Kontakt auf Anrufe mit (jahre)langen Verzögerungen zwischen Frage und Antwort beschränkt.
Schon diese Annahme müsste die ersten Exo-Soziologen auf den Plan rufen, denn dies zeugt von einem sehr anthropozentrischen Weltbild. Folgende Annahmen liegen dem Zugrunde:

Die Außerirdischen müssten eine menschenähnliche Reisetechnologie besitzen, die Zeitlichkeit der Reisenden und subjektorientierte Reiseplanung müsste sehr menschenähnlich sein und schließlich müsste "biologische Qualität" potentieller Besucher der unseren entsprechen.
"Dies alles wird in den Debatten über den Kontakt zu außerirdischen Zivilisationen weitgehend fraglos unterstellt. Dabei sind solche Vorannahmen mangels jedes Wissens über die Formen außerirdischen Lebens tatsächlich alles andere als selbstverständlich. Aliens könnten die hundertfache Lebenserwartung von Menschen haben, sie könnten Generationenraumschiffe benutzen, sie könnten hochentwickelte Roboter schicken, sie könnten völlig andere
Reisetechnologien verwenden usw. usf. Wir wissen es einfach nicht." (Schetsche 2003)

Eine erste Themenbestimmung für die Exo-Soziologie beginnt also schon weit vor einem möglichen ersten Kontakt. Spannend wäre also die wissenssoziologische Erforschung des Phänomens, dass der erste Kontakt als persönlicher Kontakt vollständig ausgeschlossen wird. Eine Erklärung dafür liefert Schetsche gleich mit, denn er behauptet, dass dadurch einfach alle unbekannten Schreckensszenarien, wie sie Beispielswiese in Independence Day dargestellt werden von, vor herein ausgeblendet werden. Klar, denn ansonsten müssten die SETI-Forscher auch ihre eigene Arbeit wegen der potentiellen Gefährdung der Menschheit in Frage stellen.

Weiterhin wäre natürlich für die Exo-Soziologie spannend einige Grundannahmen von verschiedenen Vergesellschaftungstheorien zu prüfen, denn bis jetzt haben wir ja mit N=1 eine recht spärliche Datenbasis. Dazu bräuchten wir aber einen Erstkontakt. Aber es wäre doch nicht schlecht darauf vorbereitet zu sein.

Am Spannendsten an Schetsches Essay (Schetsche 2008) finde ich aber die Erstellung der Themenfelder und Leitfragen einer möglichen Exo-Soziologie:

1.) Sozialwissenschaftliche SETI-Forschung: Wie sind die Vorannahmen der heutigen SETI-Forschung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive einzuschätzen und welchen Beitrag können die Kulturwissenschaften generell zur Weiterentwicklung dieses Forschungsprogramms leisten?

2.) Interspezies-Futurologie: Welches wären die prognostizierbaren Folgen (die kulturellen und religiösen, die politischen und ökonomischen) eines Zusammentreffens der Menschheit mit einer außerirdischen Zivilisation?

3.) Konkurrierende Realitätsebenen: Welcher Zusammenhang besteht zwischen wissenschaftlichem und fiktionalem Wissen/Denken über die Stellung des Menschen im Kosmos und insbesondere über das Verhältnis zwischen Irdischem und Außerirdischem?

4.) Fremdheits- und Xenophobie-Forschung: Wie wird Fremdheit heute kulturell konstruiert und welches sind die sozialen und ethischen Folgen dieser Konstruktion – auf der Erde wie im Weltraum?

5.) Extra-humane Ethik: Über welche Eigenschaften muss ein Wesen verfügen bzw. wie "fremdartig" darf es sein, damit wir in ihm einen gleichberechtigten Interaktionspartner erkennen und ihm prinzipiell wie im Alltag personale Rechte zubilligen? (vgl.: Schetsche 2008)

Irgendwie wäre das was für mich. Das Feld ist also erstellt, fehlt bloß noch eine Stelle und die entsprechenden Forschungsgelder für mich. Über eure Meinungen als Kommentare zu diesem Thema würde ich mich freuen. Ist das nur Spinnerei von Science-Fiktion Fans oder ließe sich da tatsächliche ein Forschungsfeld eröffnen?

Schließlich möchte ich alle Interessierten noch auf ein Buch aufmerksam machen. Der von mir zitierte Michael Schetsche hat vor kurzem mit seinem Kollegen Martin Engelbrecht ein Buch zu diesem Thema herausgebracht. Von Menschen und Außerirdischen heißt es und ist hier erhältlich. (Leider kann ich mir das zur Zeit noch nicht leisten, aber vielleicht leiht es mir mal einer...)


Quellen:
Fotos: ricado.martins http://flickr.com/photos/redneck/
Schetsche, Martin 2003: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15651/1.html
Schetsche, Martin 2008: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28489/1.html

Freitag, 1. Februar 2008

Rational Choice, Interessen und Handlungsresultate

1. Wie funktioniert Rational Choice?
Rational Choice (RC) ist ein Postulat. Es besagt, dass sich ein Akteur rational – also Kosten und Nutzen kalkulierend – für eine Handlungsalternative aus einem Set von Handlungsmöglichkeiten entscheidet. Kosten und Nutzen sind qualitativ durch das handlungsmotivierende Interesse definiert. D.h. Interessen sind partiell Definiens für Handlungsnutzen und Handlungskosten; und sie sind Movens für Handlungen.

Der rationale Akteur handelt nicht um der Handlung selbst willen, sondern weil er damit ein Interesse ‚verfolgt’; d.h. er handelt intelligibel. (Ich sehe Intelligibilität als notwendige Bedingung für Rationalität an.) Kein Interesse (M = 0) – keine Handlung (RC = 0). Aktivitäten, denen kein handlungsmotivierendes Interesse zugrunde liegt, müssen als Verhalten bezeichnet werden. Handlung A kann nur dann rational gewählt werden, wenn ein entsprechendes Interesse vorhanden ist (M = 1). ‚Entsprechend’ meint, dass der Akteur glaubt, mit dieser Handlung sein Interesse durchzusetzen. In einem Universum, in welchem der Akteur nur eine Handlungsalternative hat, kann diese Handlung nur dann getriggert (RC > 0) werden, wenn der Akteur das entsprechende Interesse hat:

RCA = Mx * BCD[x],A

wenn Mx = 0, dann RC = 0
wenn Mx = 1, dann RC > 0 möglich

Aber das Interesse allein garantiert auch noch nicht die Handlung. Es ist lediglich die Bedingung dafür, dass

a) der Akteur ein Nutzen-Kosten-Differential (BCD) berechnen kann – denn die Interessenqualität (x) konstituiert partiell die Qualitäten von Kosten und Nutzen.

b) das BCD (wenn > 0) einen handlungstriggernden Effekt hat.

wenn Mx = 1 und BCD > 0, dann RC > 0

Die Kernrationalität steckt im BCD-Effekt. In einem Universum, in welchem der Akteur ein Interesse hat (M = 1) und in welchem ihm ein Set aus zwei entsprechenden Handlungsalternativen (A1 und A2) zur Verfügung steht, wird der Akteur diejenige Handlung triggern (wählen), welche das größere BCD (=größerer Nettonutzen) hat.

Mx = 1

wenn BCD[x],A1 > BCD[x],A2, dann RCA1 > RCA2 --> RCA1
wenn BCD[x],A2 > BCD[x],A1, dann RCA2 > RCA1 --> RCA2


2. Endogenisierung und Quantisierung von Interessen
Ein ‚purer’ RC-Frame nimmt die handlungsmotivierenden Interessen als gegeben (exogen). In der naivsten Variante werden Interessen nur unter einem qualitativen Aspekt erfasst: Interessen sind entweder da (M = 1) oder nicht da (M = 0). Wenn wir nun aber die Entstehung von Interessen fokussieren – Interessen also Endogenisieren, dann können wir die quantitative Komponente von Interessen erkennen. Mit ‚quantitativer Komponente’ meine ich, dass Interessen nicht nur da oder nicht da sind, sondern dass sie mehr oder weniger salient sein können. M begreife ich also nicht als dichotome Variable [01], sondern als stetige Salience [0..1].

M nicht als dichotom zu begreifen, leitet sich aus der Endogenisierung von Interessen ab. Ein Interesse besteht aus zwei Komponenten: dem Potential (P) und der Aktualität (S) eines bestimmten Objekts i.w.S. (x). Das x-Potential ist eine Idee darüber, welche Quantität x haben sollte. (Um die Sache einfach zu halten: je mehr ‚gewünscht’, desto größer x). Die x-Aktualität beschreibt die tatsächliche Quantität von x. Ein Interesse bezüglich x entsteht, wenn Potential und Aktualität abweichen, d.h. wenn das Potential größer ist als die Aktualität. Und die Salience dieses Interesses wird umso größer, je größer das Differential zwischen Aktualität und Potentialität ist:

Mx = Px – Sx

Interessen werden also durch die P-Komponente strukturell konstituiert. Interessen sind Ideen und x-Potentiale sind Ideen; und beide sind ‚im’ Akteur instanziiert. Da der Akteur mit sich identisch ist, kann das Potential keine Kausaldeterminante für das Interesse sein. Die Aktualität hingegen ist ein objektiver Fakt. Zwar wird Aktualität nur als Bewusstseinsinhalt motivationsrelevant, aber sie referiert immer auf einen objektiven Fakt. Aktualität ist keine Idee (sondern materiell i.w.S.) und somit nicht mit dem Akteur identisch. Interessen werden also durch die S-Komponente strukturell verursacht.

Die Bedeutung der Quantisierung von Interessen wird deutlich, wenn wir ein Universum annehmen, in welchem der Akteur zwei Interessen hat mit jeweils einer Handlungsalternative. Dem Interesse Mx1 entspricht die Handlung A1; dem Interesse Mx2 entspricht die Handlung A2. In diesem Universum können wir nun einen vermeintlich irrationalen Akteur beobachten:

BCD[x1],A1 > BCD[x2],A2 --> RCA2

Diese Irrationalität ist aber tatsächlich nur putativ, weil in diesem Fall:

RCA2 > RCA1

Die RC-konforme Erklärung dieser Beobachtung gelingt nur durch die Quantisierung der Interessen Mx1 und Mx2: Wenn nämlich Mx1 extrem klein ist und Mx2 sehr hoch, sich aber die jeweiligen BCDs nur marginal unterscheiden. Hier ist also die Salience der Interessen ausschlaggebend.


3. Prediktion von Handlungsresultaten per Interessenermittlung
Es wäre aber etwas dogmatisch, wenn die Endogenisierung und Quantisierung von Interessen lediglich dazu herhalten sollte, das RC-Postulat gegenüber einigen Beobachtungen der Realität in Schutz zu nehmen. Es gibt auch einen forschungspraktischen Mehrwert, welcher mit folgendem Szenario dargestellt werden soll.

Wir beobachten eine laufende Handlung, welche durch ein Interesse aus einem Set mehrerer unterschiedlicher Interessen motiviert ist. Die Handlung ist noch nicht beendet, aber wir wollen eine Prediktion des Handlungsresultats. Des weiteren wissen wir, dass (und wie) das Handlungsresultat von den Handlungsspezifikationen abhängt. Die Spezifikationen sind in diesem Exempel aber nicht beobachtbar. Mit unserer Forschung wären wir gescheitert – wenn wir nicht weiterhin annehmen könnten, dass die Spezifikationen durch das zugrundeliegende Interesse bestimmt sind. Damit sind wir aber immer noch nicht glücklich, denn wir können die Interessen an sich auch nicht beobachten. Was wir allerdings beobachten können:

a) das BCD jeder in Frage kommenden Spezifikation der Handlung.

b) die interessenverursachende und die Salience des Interesses bestimmende S-Komponente für jedes Interesse des Sets.

Wenn wir es nun also mit einem rationalen Akteur zu tun haben, dann können wir das handlungsmotivierende und –spezifizierende Interesse ermitteln, indem wir die Salience der Interessen des Sets und jedes interessenspezifische BCD der beobachteten Handlung berechnen. Und dann gilt: das Interesse, welches mit dem entsprechenden spezifischen BCD multipliziert den größten RC-Wert ergibt, ist das gesuchte Interesse.

Montag, 8. Oktober 2007

Sonntag, 7. Oktober 2007

Selbstorganisierte Kritikalität sozialer Systeme: ‚Des Kaisers neue Kleider’.

Transformationsprozesse sind Realitäten sozialer Systeme; keine Exzeptionen, sondern ‚business as usual’. Für eine wissenschaftliche Soziologie ist sozialer Wandel also ein erklärenswertes Phänomen. Die Attribuierung einer Disziplin als ‚wissenschaftlich’ bedeutet aber mehr als nur die Vorschrift, dass das Objekt des Forschungsinteresses einen empirischen Referenten haben muss. Es werden damit auch Anforderungen an Methoden und Konzeptionen gestellt. Eine wissenschaftliche Erklärung ist die Assoziation einer Wirkung mit einer Ursache. Die analysemethodische Anforderung dabei: Varianz (der Wirkung) auf Varianz (der Ursache) zurückführen. Eine Soziologie des sozialen Wandels, muss entsprechende Transformationsprozesse (=Varianz der Wirkung) also mit nicht-statischen Faktoren (=Varianz der Ursache) erklären.

Kron „versucht, das aus dem Bereich der Physik stammende Theorem der Selbstorganisierten Kritikalität auf die Gesellschaft zu übertragen, um soziale Transformationsphänomene zu erklären“ (Kron 2007:1). Die Systemeigenschaft der ‚Selbstorganisierten Kritikalität’ (SOK) impliziert, dass entsprechende Systeme auch skaleninvariant sind (Kron 2007:5). Damit ist dem SOK-Theorem jedoch die Erklärungsschwäche inhärent. Denn die Konsequenz der Skaleninvarianz ist: „Wenn der gleiche Vorgang in allen Größenbereichen abläuft, dann haben große und kleine Konsequenzen die gleiche Ursache“ (Kron 2007:6). Die Varianz der Wirkung wird hier also nicht auf eine Varianz der Ursache zurückgeführt. Das SOK-Theorem taugt somit nicht zur Erklärung.

Woher kommt nun aber die Behaglichkeit, welche einige Soziologen bei solchen nichtserklärenden Theoremen empfinden mögen? Was ist die Leistung des SOK-Theorems? Die Antwort: es verströmt eine geradezu ‚hermeneutische Wärme’. Soziale Transformationsprozesse werden zwar nicht erklärt – aber es wird ihnen eine Deutung verpasst, welche, da sie der Physik entstammt, mit einem Nimbus der Objektivität aufwarten kann. Das SOKTheorem deutet die Wandlung sozialer Systeme als eine systemimmanente Entwicklungslogik. Nichts weiter als dies wird behauptet: Systeme mit der Eigenschaft SOK sind dynamisch. D.h. wenn an sozialen Systemen Wandlungsprozesse konstatiert werden können, dann sollten wir uns nicht wundern – dann sind es wahrscheinlich SOK-Systeme. Indes ist es das Elend dieser Deutung, dass sich SOK an sich nicht messen lässt. Nur die Folgen könnten – ad hoc – auf diese Systemeigenschaft verweisen.

Sozialen Systemen eine Entwicklungslogik zu unterstellen ist nichts Neues. Eigentlich ist sozialer Wandel ein ganz alter Hut: von Hegel über Marx bis Dahrendorf und hinter dem Horizont geht’s sogar noch weiter. Vor allen Dingen: einige dieser alten Hüte passen besser als SOK – denn sie können, zumindest theoretisch, Erklärungen leisten. Sie bieten uns nicht nur Deutungen des sozialen Wandels an, sondern daneben auch Hypothesen über konkrete Transformationsresultate und intervenierende Faktoren. Diese Hüte kann man aufsetzen.

An einer einzigen Stelle könnte man geneigt sein, dem SOK-Theorem doch noch etwas Erklärungskraft zuzugestehen: die Dauer der Latenzphase ist messbar und die Varianz dieser Dauer (als Ursache) könnte die Varianz des Transformationsrisikos (als Wirkung) erklären. Je länger also die Latenzphase andauert, desto höher das Transformationsrisiko. Unter formalem Aspekt ist dies zwar eine Erklärung – aber völlig ohne Substanz. Denn Zeit (Dauer) an sich kann kein erklärender Faktor sein; Zeit ist lediglich eine Residualkategorie für die Effekte nicht gemessener Faktoren.

Über dem Versuch, das SOK-Theorem für eine ‚Physik des sozialen Wandels’ fruchtbar zu machen, hängt von Anfang an das Damoklesschwert der Erklärungsschwäche. Diese Kritik wiegt umso schwerer, da es erklärungskräftigere Theoreme gibt. Aber der Kaiser wollte eben immer die besten und neuesten Kleider. Und wie der Kaiser mit seinen neuen Kleidern letztlich nackt war, so ist auch sozialer Wandel mit dem SOK-Theorem theoretisch ‚nackt’ und unerklärt.

Referenz
Kron, Thomas 2007. Die Physik des sozialen Wandels. Hamburg Review of Social Sciences 2/2:1-30.

Mittwoch, 26. September 2007

Horror ist, wenn man trotzdem lacht ???

Ich habe da ein paar Anmerkungen zum sehr inspirierenden Beitrag von Paul.

Zuerst ist der Film als Erzählform an seine erzählerische und technische Umsetzbarkeit und als kommerzielles Produkt an Rentabilitätserwartungen gekoppelt. Als Objekt der Kulturindustrie muss eine (aktive) kritische Position von Hollywoodfilmen grundsätzlich bezweifelt werden. Eher ist zu vermuten, dass Filme allgemeine, legitime Verarbeitungen von Debatten und Problemdiskursen der Gegenwart darstellen, in denen vorhandenes und allgemein Bekanntes neu - und zwar fiktiv - zusammengestellt wird.

Außerdem muss man fragen: Welche Rolle nimmt der Horrorfilm in der Gattungsart Film ein und welche Alleinstellungsmerkmale lassen sich überhaupt aufzeigen? Gerade Filme wie „Hitch der Date Doktor“ oder „Email für Dich“ sind eher standardisierte Produkte, die aktuelle Probleme thematisieren und Handlungsorientierung geben: Was wollen Frauen (oder Männer) überhaupt? (Exakt das gleiche Problem wird im übrigen auch in den Beschreibungen von Luhmann in Liebe als Passion behandelt). Die Abhandlung: „Wie bekomme ich eine Frau oder wie bekomme ich Sie dazu, dass Sie das macht was ich will ...“ ist auch Gesellschaftskritik, denn sie nimmt im Hintergrund Bezug auf Individualisierung von Lebensläufen, neue Partnerschaftsentwürfen, Ent-Traditionalisierung und räumliche Entbettung. Der Horrorfilm hat aber eine ganz gute Ausgangposition. Die Gewaltdarstellung und Spannungsmomente schränkt das Zielpublikum stark ein (ab 18 Jahre, eher Männer als Frauen), so dass es sich vielleicht um eine spezielle und aufnahmebereite Population handelt.

Grundsätzlich muss man zudem noch das Horrorfilm-Genre auf einem Kontinuum abtragen. Auf der einen Seite wird die Bedrohung oder das „Monster“ von psychisch-kranken/ psychopathischen Individuen gestellt, auf der anderen Seite steht das Übernatürlich als Ursache. Hannibal ist eindeutig Vertreter der ersten Kategorie - Hostel, Scream, Saw möglicherweise auch. Während Zombies oder auch Alien eine Zwischenposition einnehmen - nicht psychopatisch, wissenschaftlich erklärbar, aber dennoch außer- und zum Teil auch übernatürlich. Filme wie Es, Freddy, Poltergeist, Final Destination oder Tanz der Teufel dagegen sind eindeutig übernatürlich. Verwandschaften zu Mytsery, Fantasy oder Thriller müsste man auch prüfen.

Auch einen „Paradigmenwechsel in Idealtypen“ sehe ich nicht - da die jeweils anderen Formen in anderen Filmen immer weiter mitreproduziert werden. Es handelt sich denke ich eher um eine Anreicherung des Horrorfilmspektrums. So würde ich vorschlagen weniger in Paradigmenwechseln sondern in Dimensionen zu kategorisieren. Zu beobachten sind dann dominante Kombinationen dieser Dimensionen, die sich über den Zeitverlauf hinweg verschieben. Für jede dieser Ausprägungen wäre dann zu fragen: in wie weit sich diese an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen orientiert sind oder sogar gesellschaftskritisch sind.

Die Ausarbeitungen von Paul lassen sich meines Erachtens um die folgenden Dimensionen erweitern. (Dabei gehe ich eher auf die Kategorie übernatürlich ein - siehe oben):

Horror als Verarbeitung der Risikoproblematik (vgl. Beitrag von Tilo)

Ausgangspunkt und Quelle des Horrors ist hier zum einen ungewollte Handlungsfolgen von gesellschaftlichen Prozessen oder Entwicklungen. Der Horror symbolisiert individualisierte Folgen (Bedrohung, Verletzung, Tod) von riskanten Umweltveränderungen (nuklear, chemisch, ...) oder riskanten Technologien (Maschinen, Roboter, Computer, Fahrstühle ...). Horror – oder hier meist das „Monster“ – ist das Produkt einer menschengemachte Umwelt und richtet sich als Folgen zurück auf den generalisierten Verursacher: den Menschen bzw. der Menschheit, genauer die Gesellschaft (Godzilla, der Weiße Hai, ...). Nicht selten ist dieses gepaart mit dem Auseinanderfallen von Entscheidern und Betroffenen (Opfern). Wobei sich oft als Moral am Ende das Monster gegen den eigentlichen Verursacher richtet und so die „Gerechtigkeit“ zwischen Verursacher und Betroffenen wieder hergestellt wird (Sozialromantik).

Horror als Ausgangspunkt für Vergemeinschaftung

Horror ist gerade nicht gesellschaftliche Inklusion sondern die (relative) Abwesenheit von Gesellschaft (Gewaltmonopol, spezialisierte Organisationen, Kommunikationsmedien). Die sichergeglaubte Polizei oder das Militär sind eben gerade nicht da wenn man sie braucht - oder taucht erst am Ende auf, um den Status Quo/ Normalität wieder herzustellen. An einem abgeschiedenen oder abgeschnittenen Ort, zwingt Horror zur Bildung von „Überlebensgemeinschaften.“ Oder die Erlebnisse und Bedrohungen werden nur von einem engen Kreis wahrgenommen und gerade nicht gesellschaftlich geteilt. In dem Moment indem sich die Gruppe spaltet oder ein Gruppenmitglied von den anderen getrennt wird, weiß man, dass gleich „einer dran glauben muss.“ Gegen die Gemeinschaft zu arbeiten bedeutet den sicheren Tod. Wenn überhaupt ist auch hier Sozialromantik, als Gemeinschaftsromantik, der Ausgangspunkt und weniger wirkliche Kritik: „Wir müssen nur zusammenhalten, dann wird alles gut.“ Hier zeigt sich aber besonders, dass der Film als Erzählform aus der Perspektive einer Gruppe besser funktioniert als in anderen Formen. Die Logik des „Einer-Nach-Dem-Anderen“ einer überschaubaren und darstellbaren Einheit vermittelt den Spannungsbogen und bringt den Plot weiter.

Horror als Zwiespalt gegenüber Rationalisierung

Anschließend an die Risikoproblematik oben fällt auf, dass Horror nicht selten mit einer Rationalisierungskritik - zum Teil explizit mit Fortschrittskritik (wissenschaftlich, vor allem aber technisch) verbunden ist. So sind es speziell skrupellose Konzerne (Alien, Resident Evil), korrupte Wissenschaftler (Dr. Mabuse) oder das Militär (Predator), die desaströse Folgen in Kauf nehmen, um ihren Gewinn zu maximieren.

Dazu kommt, dass der übernatürliche Horror genuine Rationalisierungskritik beinhaltet. Er richtet sich gegen die Entzauberung der Welt. Horror ist hier das Übernatürliche, das mit den rationalen Werkzeugen unserer Kultur nicht zu erklären ist. Westliche Rationalisierungsversuche scheitern wenn eigentlich unbelebte Gegenstände ein Eigenleben entwickeln (Chucky) oder Kräfte das gewohnte und sicher-geglaubte Umfeld verändern (Es, Poltergeist).

Horror ist aber zugleich auch Objekt der Rationalisierung. Man möchte mindestens den Ursachen des Schreckens auf den Grund gehen, eine (logische) Erklärung finden: „... ah Ahnenfriedhof unter dem Haus !!! Na wenn ich das gewusst hätte ... .“ Vielmehr wird der Horror – in Form des Monsters – zur bearbeitbaren/ gestaltbaren Tatsache. Zweck-Mittel-Beziehungen müssen ausprobiert und am Objekt auf ihre Wirksamkeit im Kampf gestestet werden. Gegenstände müssen zu Waffen oder Verteidigungsobjekten verarbeitet werden, um die Existenzbedrohung zu bewältigen. Die Mitglieder der Überlebensgemeinschaft müssen zusammenhalten und ihre Fähigkeiten und Wissen einbringen, um die Herausforderung zu bewältigen.

Nur in der Dimension „Horror als Verarbeitung der Risikoproblematik“ übernehmen einige Horrorfilme eine differenzierte gesellschaftskritische Position - zum Teil ist diese auch stereotyp und polemisch - nach dem Motto: „Wenn wir nur unseren Müll trennen und keine chemischen Reiniger benutzen, dann können wir auch wieder sicher baden gehen... .“ (Das ist aber auch in Filmen wie "the day after tomorrow" der Fall - in dem es zweieinhalb Stunden langweiligerweise einfach nur kalt wird ... .) Ob diese Kritik aktiv und progressiv ist möchte ich bezweifeln. Eher handelt es sich hier um Reflexe von öffentlichen Debatten, welche die Zuschauer auf der Leinwand wiedererkennen und zu denen sie eine Verbindung aufbauen können. Auf der anderen Seite finden sich Elemente, die sich gerade auf die Abwesenheit von Gesellschaft beziehen und andererseits Elemente, die positiv auf Gesellschaft Bezug nehmen bzw. eine positive, d.h. funktionale Rolle und keine genuin kritische, für die Gesellschaft einnehmen (Teamgeist, Kreativität, Bildung...).

Ein weites Feld ...

Dienstag, 25. September 2007

Vom alltäglichen Bedrohungsrisiko oder; Gewalt & Horror. AUS der Gesellschaft IN die Gesellschaft

Prolog

Wir befinden uns mehr als Anwesender denn als Zuschauer inmitten einer kleinen illustren Gruppe von unterschiedlicher Provenienz. Man isst gemeinsam, raucht, juxt und erfreut sich offenbar an der kurzen willkommenen Ruhepause. Die Kamera vermittelt uns durch die bedächtig ruhige Fahrt von Gesicht zu Gesicht zusätzlich ein wohliges Moment gegenseitiger Vertrautheit. Unversehens windet sich jedoch im nächsten Moment einer aus unserer Mitte qualvoll auf dem Tisch, der Augenblicke vorher noch reichhaltig gedeckt unhinterfragtes Symbol leiblicher, existenzieller Vollkommenheit war. Die eben noch in seraphischem weiß schimmernden Einheitskleider, unbefleckt und steril, färben sich geradezu blitzartig in ein dunkles Rot. Erst jetzt realisiert unser Gehirn, dass sich eine bedrohlich steigernde Orchestermusik nebst gleichsam stroboskopartig anschwellenden Schmerzenschreien in die Situation mischt. Im nächsten Moment bricht durch den Brustkorb unseres gepeinigten Freundes ein blutbenetztes kleines Geschöpf...

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Die Gegenwartsdiagnostik im Genre Horrorfilm – Von der alltäglichen Omnipotenz der Bedrohung

Gleich mehrerlei Gründe sprachen für die Schilderung dieser bekannten Szene des 1979`er ‚Alien’ von Ridley Scott.

Zunächst repräsentiert die Alien- Trilogie für mich die Rezeption und Evolution des modernen – man muss ja sagen abendländischen – Bösen (womit die Rezeption und nicht das ‚Wesen’ des Bösen gemeint ist) schlechthin, auch wenn man sich hinreichend über die Genrezuordnung streiten könnte. Leider kann ich in diesem Rahmen nicht mehr auf die so bezeichnend unterschiedlichen Motive der Trilogie innerhalb des vergleichsweise so kurzen overall- Entstehungszeitraumes 79 - 92 eingehen. Es zeigt sich jedoch nicht zuletzt, um welche Zeitspanne es mir speziell bei meinen folgenden Erläuterungen gehen wird.

Andererseits veranschaulicht die Szene sehr schön das Kernargument meiner Argumentation, welches man unter verschiedene begriffliche Konstrukte (je nach Perspektive) fassen könnte: ganz allgemein zielt es auf die faktische Omnipräsenz des Bedrohungsrisikos in der so genannten risikogesellschaftlichen Moderne, welches zunächst jeden treffen kann und durch jeden transportiert letztlich in einem intersubjektiv praktizierten Vergesellschaftungsmodus stets reaktualisiert wird.

(In diesem Sinne habe ich mir viel Zeit genommen und erlaubt, den obigen Einleitungsbeitrag so auszugestalten (natürlich in völliger Korrespondenz mit der filmischen Vorgabe), dass die Kernmotive sozusagen von selbst heraustreten und unabhängig von meiner nachfolgenden Argumentation gleichermaßen weiterreichendes metaphorisches Anschlussmaterial für das Thema an die Hand geben: das Motiv imaginierter Sicherheit als einer der Kernmodi moderner Rechtsstaaten; die Wichtigkeit allgegenwärtiger symbolischer Reinheitsmotive als (moralische) Stabilisierungsmomente; Multikulturalität usw. usw..)


Damit verstehe ich den entstehungszeitlichen Kontext des beispielhaft angeführten Science- Fiction- Horrorthrillers als den rahmenden Fokus einer bestimmten medialen Rezeptionsepoche die Rekurs nimmt auf eine, „… Gesellschaft […die] seit Anfang der achtziger Jahre offenbar wieder konflikthafter […], ‚kälter’, unbehaglicher geworden [ist]“. (Schimank: 2000, 11)

Man bemerkt, dass ich die mediale Adaption der vielfältigen Gewaltmomente im Horrorfilm zunächst primär als die synchrone (vs. Marin) mediale Reflexion gesellschaftlicher Bedrohungsmomente interpretiere und diese als Reaktion auf die vielgestaltigen aktuellen Feind- & Bedrohungsbilder westlicher Gesellschaften (wirtschaftlicher-, sozialer-, interkultureller-, religiöser-, ökologischer Natur: oder ganz plakativ: Tschernobyl, Golfkriege, Afghanistan, nahöstlicher Terrorismus, „9/11“ und „Heuschrecken“, , kulturelle Kontamination a la „Kopftuchdiskurse“, „Hatz IV“, das neue „Prekariat“ usw.). Man ist versucht, von einer Bedrohungskulmination innerhalb der letzten drei Jahrzehnte zu sprechen, bedenkt man die qualitativ- multivalenten Ursprünge dieser (ein markanter Unterschied etwa zur Bedrohungslage etwa der häufig angeführten 40`er Jahre des 20. Jahrhunderts).

Der aufmerksame Leser wird zudem feststellen, dass sich durch die Bezeichnung meines Kernargumentes automatisch mehrere Betrachtungsdimensionen eröffnen: eine Selbstbeobachtung moderner Gesellschaften hinsichtlich

(a) ihrer (makro)politischen-, ökonomischen- und ökologischen Bedrohungsmomente und

[„Nicht nur die Drohung einer nuklearen Auseinandersetzung, sondern auch die Wirklichkeit militärischer Konflikte…“ (Giddens: 1996, 19) führten Anthony Giddens und (sinnbildlich) gleichermaßen Ulrich Beck zur Attestierung einer „Schattenseite“ (ebd.) der Moderne.]


(b) hinsichtlich ihrer intersubjektiven (post)modernespezifischen Gesellungsmodi, Schlagwort: Vereinzelungs- und Anonymisierungstendenzen aufgrund radikaler individualer Freisetzungsmomente.


Es liegt auf der Hand, dass beide Dimensionen in einem wechselseitigen Wirkungszusammenhang stehen. Das ist keine neue Erkenntnis und lässt sich m.E. durchaus pointiert bei A.Giddens, im minuziös ausgearbeiteten Wechselspiel von Handlung und Struktur, nachlesen. (vgl. etwa Giddens: 1984)


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Reaktion auf Paul – Die Bedrohung als ständiger Begleiter

Nach der sehr kurzen Präsentation meiner eigenen gesellschaftsdiagnostischen Anbindung des Mediums und dessen Motive an die aktuelle Gegenwartsgesellschaft, möchte ich Paul natürlich nicht die angemessene Reaktion auf seinen Beitrag speziell schuldig bleiben. Ich werde diese Zeilen außerdem nutzen, um den oben vielleicht so apodiktisch wirkenden Beitrag weiter zu veranschaulichen.

Ich halte das Ansinnen, die filmische Rezeption am speziellen Beispiel des Horrorfilmgenres als Reflektor gesamtgesellschaftlicher Tendenzen zu betrachten, ebenfalls für außerordentlich fruchtbar und möchte Paul für diesen außerordentlich spannenden Impuls danken. Man wird sich natürlich darüber einig sein, dass nicht jedes Werk als verlässlicher Repräsentant eines solchen Spiegels gewertet werden kann, weshalb Paul völlig richtig auch INNERHALB des vorgeschlagenen Genres nach solcherlei Tendenzen und nicht nach Einzelfällen zu suchen beabsichtigt. Des Weiteren halte ich die Abweichung von der klassischen wissenssoziologischen Tradition, mit welcher sich zuweilen jeder theoriebewaffnete Universitätsabkömmling hätte einfach der Thematik bedienen können, zu Gunsten einer eigenständigen Typologie, für sehr erfrischend.

Allerdings zeigt sein Versuch m.E. auch einige Beschränkungen auf. Vielleicht auch die geradezu reflexhafte Reaktion Martins mit sofortiger sozialhistorischer Rückbindung zeigt, dass Paul uns letztlich sein Anfangsversprechen schuldig bleibt, "Tendenzen gesellschaftlicher Entwicklungen auf[zu]zeigen". Betrachtet man nämlich das gesellschaftliche Selbstbeobachtungspotential durch Horrorfilme/ -thriller, so wie ich es oben versucht habe zu zeigen, dann wird gleichzeitig verstehbar, warum die bei Paul so zentralen Aspekte der 'Psychologie', der 'Gewalt' und des ‚Bösen' in einer Epoche der Risikomoderne geradezu verständlich auseinander treten müssen und warum es damit der so aufwendig ausgestalteten und evidenten Typologie an gesellschaftsdiagnostischer Anbindung mangelt. Die moderne Gesellschaft ist so reich an desintegrativen- und auch faktisch bedrohlichen Momenten (vgl. Dimensionen oben), dass es keiner kreatürlichen Verkörperung durch DAS spezielle Monster per se mehr bedarf und damit schon gar keiner Psychologisierung desselben.

Wie die Anfangsszene aufzeigen soll, gebiert potentiell jeder alter ego das Böse (Bedrohungsmoment b), oder symbolisiert jeder andere als potentielle Zielscheibe die Omnipräsenz der zeitaktuellen Bedrohung (Bedrohungsmomente a).

Damit ist die klassische Frankensteinmonstersymbolik als Spiegel des stigmatisierten bzw. ausgeschlossenen Anderen schlechthin (Alterität; vgl. Simmel – Eine genaue Literaturangabe werde ich versuchen nachzureichen.) aus dem Diskurs entlassen, wie Paul völlig richtig feststellt. Jedoch ist der argumentative Schritt über das völlig korrekte Attest einer entindividualisierten und enthumanisierten Vermassung (Zombi- Genre; hin zur gleichsam animalischen Gewalt der puren Zerstörung wegen) des Bösen zu einer „Banalität“ der Gewalt völlig verkürzt und bleibt diagnostisch unevident, wie ich finde.

Alles, ob Erlebnis oder Bedrohung, ist in der westlichen Gegenwartsgesellschaft einer Pluralität unterworfen, wie ich oben versucht habe aufzuzeigen. (kurzer Verweis um zwei Ecken: FKK- Diskurs; Ja, nicht einmal mehr die Jugendkultur unserer Tage vermag es, adequate konterkulturelle Motive aufzuspüren, denn alles ist bereits entweder en vogue oder zumindest kulturell inkludiert.) Damit wird die Bedrohung alltagspraktisch zu einem ständigen Begleiter (auch hier: vgl. Bedrohungsmomente oben). Und diese Permanenz, oder wie ich es nenne alltagspraktische Omnipotenz, der Bedrohung wird medial reflektiert; und welches Genre eignete sich besser, als das Horror- Genre, operierte es doch seit je her maßgeblich mit dem Faktor Bedrohung. Damit ist uns das Böse an sich nicht entrissen, wie Paul attestiert, sondern ganz im Gegenteil trieft es sozusagen aus jeder Ritze der uns umgebenden Gesellschaft; das Feindbild schlechthin ist damit der zivilisierte Mensch im soziologischen Sinne (welcher Provenienz und welcher Profession auch immer). Dies habe ich versucht an den beiden interagierenden Bedrohungsmomenten weiter oben zu verdeutlichen.

Letztlich mangelt es m.E. der Diskussion an einer griffigen und handhabbaren Unterscheidung von Produktion und Rezeption des besprochenen Mediums generell. Eine solche gilt es nach wie vor praktikabel zu konzipieren. Diesbezüglich möchte ich abschließend noch einmal das Augenmerk auf die Frage nach der retrospektiven (Martin) oder synchronen (Ich) diagnostischen Adaption im Medium Film lenken; werden soziohistorische Großevents eher retrospektiv oder sofort in den Diskurs überführt, eher bewusst oder unbewusst, eher zusätzlich oder zentral? Womöglich lassen sich hier weitere Typologien entwerfen, die die Kategorisierung trennschärfer werden lassen könnten.

Literatur

Giddens, Anthony, 1984: Die Konstitution der Gesellschaft: Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt/ M., New York 1988: Campus.

Giddens, Anthony, 1996: Konsequenzen der Moderne. Frankfurt/ M. 1995: Suhrkamp

Volkman, Ute, 2000: Das schwierige Leben in der „Zweiten Moderne“ – Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ In: Schimank, Uwe (Hrsg.), 2000: Soziologische Gegenwartsdiagnosen I. Opladen. 2000: Leske-Budrich

Eisewicht, Paul, 2007: Von der Faszination der Banalität und dem Verschwinden des Bösen

Förster, Martin, 2007: Horror als Form der Sozialkritik (Fragen an Paul)