Donnerstag, 23. August 2007

Plädoyer für den 'homo sociologicus'...

- UND warum der Mensch doch nicht [so ganz] wollen kann, was er will...

Vorweg: Der folgende Haupttext entstand nahezu unmittelbar nach der entsprechenden Beitragsveröffentlichung M.Försters, jedoch zunächst ohne Veröffentlichung, denn schließlich erfolgten bereits diverse mündliche Dikussionen und -Revisionen. Nach langem Kopfzerbrechen und letztlich mangels ausreichenden Zeitbudgets entschied ich mich allerdings, nun doch mit dieser frühen Version zu reagieren, allerdings einen diskutablen Anschluss zu erarbeiten.

Leider war mir bis zum Schreiben dieser Reaktion nur ein (ungewollt) flüchtiges Überfliegen des offensichtlich exemplarisch ausgetragenen Grundlagen'streits' zwischen Markowitsch & Reemtsma möglich.

Mit Freuden denke ich an das reichlich bestückte eigene Arsenal zurückliegender Diskussionen zum Thema zurück und vermag tatsächlich einen roten Faden (ja, schier ungerissen) bis zum heutigen Tage auszumachen. Früher sprach man nur noch recht nebulös von der unleugenbaren Bedeutsamkeit des In-der-Schwebe-Haltens mikro-entitätischer Prozesse auf der einen, und dem indiskutablen Zwang zur Reduktion (seinerzeit in den Begriffen der 'Absraktion' & 'Aggregation) auf der makroperspektivischen anderen Seite.

Das vorliegende Plädoyer Försters ist eine wunderbare Zusammenschau des schon lange bekannten und hochaktuellen Themas. Auch ist dieses aus einer beachtlichen inneren Konsistenz heraus in keinem Punkte wirklich anfechtbar; Jedoch möchte ich den (befestigten) Pfad der vorliegenden Darstellung um einige - wie ich finde vergessene - (soziologische) Wegmarken zu erweitern und kanalisieren versuchen.

Sehr wohl, eine solche (offenbar vielerorts begehrte) Pseudosynoptik der Themen 'Freier Wille des Menschen' & neuronale Determination, ist schlichtweg unzulässig und allenfalls als "Einladung zum Schattenboxen" (Mayntz, Prof.Dr. R.: DGS 2006) zu verstehen. Hier kann ich der Argumentation Försters nur folgen und mich mit dem zentralen Begriff der "Verfügbarmachung" nach dem 'Empirischen Paradigma' nur zu gerne arrangieren.

Jedoch ist der zur Disposition stehende Punkt ein wenig anders gelagert, zumindest für den sociological mind: Denn neben der aufgezeigten sehr problembehafteten Vermischung dieser genannten, unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Perspektiven, stellt die Platzierung des populären Ausdrucks des "freien Willens" auf der argumentativen Gegenseite (dem empirischen Paradigma) zur neuronalen, biologischen Determination ein generell problematisches Unterfangen dar; und so ist der naheliegende Verweis auf die menschlichenmögliche Wahl aus einem Kontingent von Angeboten verlockend, tänzelt jedoch letztlich (auch) geschickt um die eigentliche Frage herum: Die Frage nach der Wahl. Denn wenn wir uns nun schon auf der Seite der Empirie verorten, dann ist es der Outcome (der Handlungsakt - z.B. der Mord; die geleistete oder unterlassene Hilfe etc.) und dessen Bedingungen. Dann genügt und nicht die Generalvorannahme einer menschlichen Omnipotenz der Wahl.

Hier möchte ich nun einhaken und die Diskussion um zwei weitere Aspekte erweitern:

Zunächst hat kein Mensch hat die 'freie' Wahl aus dem kontingenten Möglichkeitsraum. Niemand ist 'frei' von (s)einem fest eingeschriebenen Regelwerk (gemeint sind keine 'Klassenfesseln' im Sinne Marx`), von den sozialisierten kulturellen Wahlmustern. Diese unumstößliche und unbezweifelt hingenommene 'Lebenswelt' (noch im Husserlschen Sinne) stellt für ihn das Alpha & Omega, SEIN Spektrum überhaupt disponibler Möglichkeiten & Erwartungen (!). Dieser verinnerlichte Wirkraum ist nun jedoch lediglich ein Flicken auf dem Teppich der 'denkbaren' Alternativen. Nie dächte ein in finanzielle Nöte geratenes christlich- orthodoxes Mönchskloster an die lukrativen Möglichkeiten, die aus dem 'unzüchtigen' Prostiutionsgewerbe erwüchsen (zugegeben, ein provokantes Beispiel; weniger polarisierende Beispiele können an jeder Person aufgezeigt werden). Diese Einschränkung des Disposiblen ist unentbehrlich für jegliche menschliche Existenz (Orientierung; vgl. Philosophische Anthropologie - Kultur als zweite Natur des Menschen). Dies stellt die weberianisch konzipierte 'freie Wahl' dar.

Jedoch wäre ein Aussteigen an dieser Stelle tatsächlich blauäugig. Jeder subjektive (bzw. spezifisch gruppale) Ausschnitt der Wirklichkeit ist prinzipiell erweiterbar, nahezu jede Alternative kann durch Hinzutreten den Horizont des Möglichen aufbrechen und 'neukitten' lassen; eine simple, aber der Vollständigkeit halber anzuführende, Feststellung. Denn so, wie es überhaupt erst zur Ausgestaltung des subjektiven Potentials aus der Interaktion von Umwelt und Anlage kommt ('triggering' - hierin sollte hinreichender Konsens bestehen; vgl. DGS: 2006), gibt es unzweifelbar ein externes- oder situatives triggering (so möchte ich es als Arbeitsbegriff vorübergehend fassen), welches außerhalb des individuell vorhergesehen- Disponiblen liegt (man denke an das Luhmannsche Moment des Zufalls bei der Konstitution von Systemen); prinzipielle 'Offenheit' als eine spezifisch menschliche Fähigkeit. Diesen doch so offenkundigen Aspekt ignorieren doch so einige Rahmen-, Intersubjektivitätstheoretische, Subjekt-Objekt-dualistische (usw.) Ansätze. Meines Erachtens bietet nebst der erwähnten Zufalls- Konzeption N.Luhmanns, A.Giddens in dem Entwurf unbeabsichtigter Nebenfolgen menschlicher Handlung einen guten Ausweg aus diesem paradigmatischen blinden Fleck sozialtheoretischer Klassiker... letztlich ein Versuch, den „Dualismus von Objektivismus und Subjektivismus [zu] überwinden“ (Giddens: 1988, S.41).

Der sogenannte 'freie Wille' des Menschen manifestiert sich summa summarum in Wahlmöglichkeiten. Diese Wahlmöglichkeiten ergeben sich in einer Funktion aus der rahmenden Umwelt- Anlage- Interaktion & werden/ können außerdem situativ/ extern getriggert werden. Als ein vorübergehendes Zwischenergebnis ließe sich hier logisch deduzieren: Der 'Freie Wille' besteht in der tatsächlich potenziellen Erweiterbarkeit des individuellen Erfahrungsraumes.

Dies ist eine sicher nicht unanstreitbare Aussage.

In der mündlichen Diskussion mit M.Förster, konnten wir schon einen Schritt weiterdenken und die, wie ich finde, sehr präzise hypothetische Frage stellen: Wie realisiert der Mensch die Wahl EINER aus zwei (den Kosten & Nutzen nach) völlig identischen Alternativen? Förster sieht hierin den 'freien Willen' des Menschen 'zucken'. Ich stelle mich hinter das Werkzeug, welches ich oben erarbeitet habe...

Ich bin gespannt!

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