Ja, es stimmt: die heutige Jugend wird enthemmter. Und wir können auch von DER Jugend sprechen – nicht nur in der Gegenwart, sondern temporal generell. D.h. DIE Jugend ist SCHON IMMER enthemmter geworden. Als „General-Moment jugendlicher Vergesellschaftung“, wie Grenz es nennt, betrifft es aber nicht nur und vor allen Dingen nicht immer eine sexuelle Freizügigkeit (- sei es auch nur die Präsentation sexueller Stimuli per Kleidung oder Kleidungsverknappung). Die Jugend vollzieht immer eine Enthemmung als Rebellion gegen eine Kultur, die schon da ist, aber nicht von ihr geschaffen wurde.
Kultur ist ein Artefakt. Kultur muss gemacht werden. Nicht nur einmal, auf das sie in ehernen Strukturen da ist, sondern permanent. Evolution, Anpassung an sich verändernde Umstände, ist nur ein Grund für diesen ewigen Wandel. Meinetwegen auch ‚Evaluation’, um dieses Argument vom Verdacht der sozial-darwinistischen Hypostasierung zu befreien. Den Begriff ‚Fortschritt’ lehnen wir natürlich auch ab, insofern wir nicht an ein Endziel der menschlichen Kulturentwicklung glauben.
Der Mensch ist nun überwiegend kein Idiot; auch die Jugend ist an sich nicht idiotisch. Ein Idiot wäre aber, wer eine Kultur macht, die in identischer Form schon da ist. Um es idiotensicher zu formulieren: das obligatorische Kulturschöpfertum des Menschen führt unter der Bedingung, dass er kein Idiot ist, unweigerlich zu einer immer etwas anderen Kultur. Da die Jugend sich beim Schaffen einer neuen Kultur per se nicht selbst untreu werden kann, ist sie in dieser Hinsicht eher radikal. Auch gealterte Generationen schaffen Neues – aber eben durch ‚sanften’ Wandel, ohne dabei die liebgewonnenen Fundamente ihres Welt-, Menschen- und Selbstbildes aufzugeben (man denke hier an das Übel der ‚kognitiven Dissonanz’). Wer die Knetmasse erst einmal in Form hat, nimmt i.d.R. nur noch Feintuning vor. Die Jugend will aber das Neue – sie kann sogar nur das Neue, da sie sich selbst eben noch keine Fundamente geformt hat. Sie sieht nur die Knete, deren präformierte Gestalt ihr nichts weiter ist als der missglückte Versuch der Alten. Man kann diese Radikalität der Umformung, die eine Neuformung ist, ‚Rebellion’ nennen. Oder ‚Enthemmung’ – vom Zwang der alten Form. Die Geschichte ist voll von Enthemmungen in allen Bereichen. Politik, Kunst, Gewalt, Ökonomie, Sexualität etc.; insofern fallen Shoa, freie Liebe, Kommunismus und der totale Krieg in die gleiche Kategorie der Jugendsünden (aber der unverzeihlichen).
Zurück zur Enthemmung der Jugend in Form der „Frivolität“. FKK gehört heute nicht mehr dazu. Es ist selbst zu einer akzeptierten Kultur geronnen. Neben einem bejahenden (nicht-rebellischen) Statement bezüglich einer bestimmten Kultur – nämlich einer Kultur des freien Körpers in einem Milieu, in welchem der Geist an die Leine gelegt wurde (in den Neuen Bundesländern, als man diese noch ‚DDR’ nannte) – bietet FKK in der Summe nur den Subgruppen der Voyeure und der Fortpflanzungsreduktionisten sexuelle Stimuli. FKK ist nicht frivol.
Und die andere Frivolität? Ist nuttige Kleidung eine kulturelle Enthemmung? Unter bestimmten Bedingungen: Ja. Nämlich dann, wenn solche Frivolität in einer Kultur begangen wird, die sich durch die Burka repräsentiert. Unter solchen Bedingungen kleben an der Ver- bzw. Bekleidung fundamentale Werte und Normen. Das frivole Hervorheben bestimmter Körperzonen via Kleidungsverknappung bedeutet dort eine rebellische Enthemmung.
Aber Grenz meinte nicht die Mullahgesellschaften, sondern die Frivolität vor unserer Haustür bzw. in unserem Haus. Möge man hier auch von Frivolität sprechen – mit Enthemmung hat es ganz gewiss nichts zu tun. Eher noch was mit Hemmungslosigkeit. Jedenfalls werden sich in unserem Kulturkreis mit Miniröcken keine Revolutionen mehr lostreten lassen. (Polen könnte eine Ausnahme sein; dort gerät das kulturelle Haus immerhin schon vom Tanz der Teletubbies ins Schwanken). Da hat Grenz also recht, wenn er schreibt, dass Frivolität ein „Rekurs oder eine Variation des bereits Existenten oder Gewesenen“ ist. Enthemmung findet heute auf einer anderen Bühne statt. Welche wird es wohl diesmal sein?
Nun zu den Schlussfragen. Da helfen Gegenfragen. Inwiefern könnte denn Frivolität eine „lebensweltliche Ressource“ sein, die ich „unentzaubert und damit analytisch unreflektiert belassen sollte“? Und: was gibt es denn an Frivolität überhaupt zu entzaubern? Ein tiefes Dekolleté verzaubert mich in keiner Weise (es lenkt höchstens ab). Aber da gibt es ja noch die Mullahs, Voyeure und Fortpflanzungsreduktionisten... und vielleicht sogar: die Jugend – eine Jugend, die sich in „flüchtige Sittlichkeit“ flüchtet. Auf der Flucht vor dem Leben. Unter diesem Aspekt sind sich Frivolität und Wissenschaft gar nicht so unähnlich.
Nachtrag:
"Die Ablehnung einer langweiligen, unveränderlich scheinenden Realität mit ihren stickigen Werten und Lebensstilen ist der gemeinsame Nenner der bevorzugten Optionen [der Jugend]. Das Problem ihrer eigenen Werte liegt darin, dass diese im Kern negativ sind. Sie verbinden wilde Kleidungs- und Haarstile mit der Vorliebe für ohrenbetäubenden Lärm, sei es Rap oder Rock oder nur Disco-Sound, und mit der ständigen Suche nach Mitteln und Wegen, um den Abstand zur etablierten Welt deutlich zu machen" Dahrendorf, Ralf 1992. Der moderne soziale Konflikt: Essay zur Politik der Freiheit. Deutsche Verlags-Anstalt. p.275.
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