Donnerstag, 30. August 2007

Der Homo Sociologicus passt nicht durchs Nadelöhr.

Skizzierung der Grenzen soziologischer Handlungstheorie.


Mit seiner Antwort auf meinen Beitrag möchte Grenz den ‚befestigen Pfad’ meiner Argumentation verlassen bzw. um ‚soziologische Wegmarken’ erweitern. Er hat Recht, wenn er mir vorwirft, dass ich diese Wegmarken übergangen habe. Ich habe das Thema der Handlungsselektion (d.h. individueller Wahlentscheidungen über Handlungsalternativen) tatsächlich nicht mit einer soziologischen Optik fokussiert.

Grenz erkennt, dass er für die soziologische Korrektur meiner nicht-soziologischen Optik zunächst die Frage bzw. das Problem reformulieren muss: „wenn wir uns nun schon auf der Seite der Empirie verorten, dann ist es der Outcome [...] und dessen Bedingungen“; d.h. der ‚sociological mind’ fragt nach dem Handlungsakt (-nicht nach dem Akt der Handlungsselektion-) und den Bedingungen seines Zustandekommens. Auf dieser Basis kann Grenz nun seine zwei soziologischen Erweiterungen in die Diskussion einführen:
1. Die Interaktion sozialisierter kultureller (intra-individueller) Wahlmuster mit der Umwelt (‚externe’ Situation) kontingentiert den Outcome.
2. Dieses Outcome-Kontingent ist erweiterbar durch Zufall oder unbeabsichtigte Nebenfolgen. Eine solche Erweiterung des ‚Erfahrungsraumes’ erweitert die zukünftigen Wahlmuster und mithin auch das zukünftige Outcome-Kontingent.

Grenz’ empirisch-soziologische Diskussion des Themas ist konsequent und zeigt gerade dadurch exemplarisch ihre Begrenzung auf: mit empirischer Optik muss der Outcome betrachtet werden – der Wahlakt ist damit unsichtbar; mit soziologischer Optik muss als letzte (Outcome-) Kontingentierungsinstanz die soziale Konditionierung betrachtet werden. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen:
1. Die Freiheitsgrade des Outcomes können nur mit dem Verweis auf eine residuale Kategorie (Zufall/unbeabsichtigte Handlungsfolgen) ‚erklärt’ werden.
2. Damit gibt es zwar ein Outcome-Kontingent, aber kein Kontingent zur Wahl stehender Handlungsalternativen (Selektionsalternativen). Dies impliziert die Determination der Handlungsselektion durch Umwelt und sozialisierte Wahlmuster; denn Zufall oder unbeabsichtigte Handlungsfolgen lassen sich schwerlich als Wahlakt bezeichnen – zu einer konkreten Handlung muss es aber irgendwie kommen. Wenn es also zu einer konkreten Handlung nicht durch subjektive Selektion kommt, dann bleibt eben nur die Determination übrig (auch wenn sie sich hinter dem ‚Zufall’ versteckt).

Zum besseren Verständnis wollen wir nun graphische Darstellungen bemühen. Die erste Darstellung (Fig. 1) zeigt die stufenweise Einschränkung der Selektionsalternativen von Gott (A,
unbegrenzt) über eine analytische Zwischenstufe (B) bis Mensch (C). Auch wenn ich in meinem ersten Beitrag die C-Begrenzung der Selektionsalternativen nicht explizit erwähnt habe, so stimme ich doch völlig mit Grenz in diesem Punkt überein. Es scheint mir aber durchaus einen Dissens zu geben bei der Frage: Aus wie vielen Selektionsalternativen besteht die C-Menge?
Grenz impliziert C = 1; ich sage C >= 1.

Fig. 1: Menge der Selektionsalternativen
A: Menge der Selektionsalternativen bei demiurgischer Omnipotenz

B: Menge der Selektionsalternativen ist durch die Situation der Umwelt begrenzt

C: Menge der Selektionsalternativen ist durch sozialisierte Wahlmuster begrenzt




Die zweite Graphik (Fig. 2) bringt mit einer stark vereinfachten Prozessdarstellung einiges mehr ans Licht. Die x-Achse gibt den Prozessverlauf an; die an der y-Achse gemessene Differenz der beiden Linien repräsentiert vor dem Prozessmoment c2 das Kontingent an Selektionsalternativen und nach c2 das Outcome-Kontingent D. Zwischen den Momenten a und b werden die Selektionsalternativen durch die Umwelt/Situation kontingentiert. Moment b bedeutet der Beginn des Kontingentierungsprozesses der Selektionsalternativen durch sozialisierte Wahlmuster. Der Moment c2 bezeichnet den Beginn einer konkreten Handlung
(Outcome).
Grenz kann mit soziologischer Optik den Kontingentierungsprozess der Selektionsalternativen nur bis zum Moment c1 verfolgen. Der Prozess zwischen c1 und c2 – der Selektionsprozess – ist und bleibt für den ‚sociological mind’ ein unpassierbares Nadelöhr; denn es ist das individuelle Subjekt, welches aus den Handlungsalternativen selegieren muss. Ohne Selektion einer konkreten Handlungsalternative (Reduktion von C > 1 auf C = 1) bleibt Handlung nur eine (nicht-faktische) Möglichkeit. Da subjektive Selektion aber keine soziologische Kategorie ist, bleibt Grenz nur: a) entweder die Menge der Selektionsalternativen zum Moment c1 bereits durch sozialisierte Wahlmuster auf C=1 reduziert zu sehen – d.h. also: durch Sozialisierung determiniert; b) oder er beschreibt die Reduktion auf C=1 durch Zufall – was auch nur einer Determination durch nicht spezifizierte Faktoren entspricht. Der Prozess zwischen c1 und c2 wird in beiden Fällen nicht als ein subjektiver Selektionsprozess anerkannt; er kann entweder ignoriert werden oder als eine Selektionsillusion (vgl. Libet 1985) beschrieben werden. Unbeabsichtigte Handlungsfolgen treten erst nach c2 auf und können deshalb nicht dem Kontingentierungs- bzw. Selektionsprozess der Handlungsalternativen zugerechnet werden; ihr extensiver Effekt betrifft nur das Outcome-Kontingent D.


Fig. 2: Prozess der Kontingentierung/Selektion




Wenn wir uns nun von dem Thema an sich abwenden und uns fragen, welche Bedeutung es für die Soziologie hat, dann sind meine Folgerungen klar: der ‚freie Wille’ und subjektive
Wahlentscheidungen können nicht das Thema der Soziologie sein. Grenz hat die Soziologie – was dieses Thema betrifft – tatsächlich bis an ihr Ende getrieben: Soziologie kann Kontingente des Handlungsoutcomes erklären. Die freie Wahl ist aber eine Sache der individuellen Person. Dort kann und will Soziologie eben nicht hinschauen. Der ‚sociological mind’ sollte also gar nicht die freie Wahl fokussieren. Tut er es doch, dann verlässt er seinen theoretischen Claim und befindet sich außerhalb seiner methodologischen Reichweite. Und dann passiert eben genau das, was passiert, wenn der Schuster nicht bei seinen Leisten bleibt (nämlich: das Spaceshuttle sieht aus wie ein Schuh und fällt schon beim Start auseinander). Die ‚Erklärung’ (Deutung) individueller Wahlentscheidungen könnte m.E. nur von einer Phänomenologischen Psychologie geleistet werden. Gibt es heute so eine Disziplin?


Literatur:
Förster, Martin 2006. Intelligenz und Willensfreiheit.


Förster, Martin 2007. Plädoyer gegen die Hinrichtung der Menschenwürde: Reaktion auf das Streitgespräch Markowitsch vs. Reemtsma. PH 2007-08-08.

Grenz, Tilo 2007. Plädoyer für den ‚homo sociologicus’ – UND warum der Mensch doch nicht [so ganz] wollen kann, was er will. PH 2007-08-23.

Libet, Benjamin 1985. Unconscious Cerebral Initiative and the Role of Conscious Will in Voluntary Action. Behavioral and Brain Sciences 8:529-566.

„Neuronen sind nicht böse“ (Streitgespräch Markowitsch vs. Reemtsma). SPIEGEL 31/30.7.07:117-123.

Pico della Mirandola, Giovanni 1486. De hominis dignitate.

Weber, Sabine 2007. „Ich schlage dich gleich mit dem Kochlöffel um die Ohren, du Affe“: Stimmphysiognomik und Verbrecherjagd in der Weimarer Republik. Feature (31.07.2007). Deutschlandfunk.

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