Teil I: Von der scheinbaren Banalität der Gewalt im Jetzt.
Anstoß für diese Überlegungen war in erster Linie eine Szene aus dem Film 'Hostel'. Man sieht einen amerikanischen Touristen geknebelt und gefesselt auf einen Stuhl sitzen. Ein Mann tritt an ihn heran und bohrt ihm mit einer Bohrmaschine in Brust und Beine. Nach einem kurzen Dialog, in welchem der junge Amerikaner um sein Leben bettelt, schneidet der Peiniger dem Jungen die Achillissehnen durch und bindet ihn los. Der Mann versucht zu fliehen und knickt wie zu erwarten um. Man verfolgt, wie er sich zum Ausgang zieht, aber letztendlich doch nicht freikommt.
Diese Szene kam mir äußerst brutal und gleichzeitig banal vor. Das einzige, was sie zeigen wollte war blanke Gewalt, Brutalität über das Menschliche hinaus, Qualen und extreme Verzweifelung, Todesangst. Extreme Gefühlszustände, sicherlich, aber darüber hinaus war dem Ausschnitt keine Aussage über das Böse hinter dieser Gewalt zu entnehmen. Bei weiterem nachdenken erschien es sogar, als wenn die Existenz eines Bösen, eines fundierten Horrors quasi, ohne Bedeutung sei. Eine wahre Erklärung schien unnötig. Dies erschien mir als etwas neuerer Zustand dieses Genres und ich konnte mich an nichts Vergleichsweises aus sehr früheren Jahren erinnern.
Teil II: Ein Blick zurück - Der Horror der Individualität.
Vergegenwärtigt man sich die Geschichte des Horrorfilms, ist es hilfreich im Sinne von Hochzeiten zu denken. Ich möchte drei Idealtypen hier vorstellen, welche sich hinsichtlich ihrer Wirkung zeitlich aneinander reihen lassen. Es ist dies die Phase, bzw. der Typus des 'klassischen Monsters' (die ich ganz vereinfacht vor '45 ansiedle), der des 'Massemonsters' (deren Hochzeit ich pauschal in den 70'ern verorte), sowie der des 'marginalisierten Monsters' (die ich als Post-2000-Phase benenne). Ich vermute eine Phase zwischen der zweiten und dritten (a la Freddy, Halloween usw.), über die ich zur Zeit jedoch nur sehr wenig zu sagen wüßte ...
Klassischer Dramatik entsprechend sind die Bösen jedoch letzten Endes tragische Gestalten, die sich nicht nur selbst ausschliessen, sondern v.a. ausgeschlossen werden. Ihre Motive sind die unseren - ihr Scheitern ist das unsere. (Selbst Tod Brownings 'Freaks' folgt diesem Schema, wenn er auch die Masseverhältnisse vertauscht.) Im Spannungsfeld von Einzelnem und Gesellschaft scheint das Problem der Integration die Ängste der Menschen zu synthetisieren.
Part III: Der Horror der Deindividuation
Mit dem Aufkommen des Zombiefilms, welcher durch 'Night of the living Dead' markiert wird (mehr stellvertretend, als orginär), erhält der Horror eine neue Richtung.Die deindividuierte Masse gegen die nur wenige Restindividuen stehen bedroht den Einzelnen. Sie jagt ihn und trachtet danach ihn zu einem der ihren zu machen. Das Böse bekommt für uns eine augenscheinlich gänzlich 'boshafte' Motivation (die vor allem in Romero's Zombie-Reihe genialistisch mit der Motivation der Lebenden parallelisiert wird), welche sich aus der Filmlogik heraus sogar als Anti-Motivation bezeichnen läßt.
Daher kann man es auch nicht einmal animalische Intelligenz nennen, der die Protagonisten ausgesetzt sind. Dem folgend, wechselt der psychologische Betrachtungspunkt auf die Seite der Opfer und beleuchtet, wie diese zur Flucht getrieben, sich verhalten und entscheiden.
Die eigentliche Brutalität liegt in der Auflösung des Individuums in der Masse. Verbildlicht wird dies durch die Ausweidung und das sprichwörtliche Zerreissen des Einzelnen, bis nichts mehr von ihm übrig bleibt oder er zu seinem eigenen Alptraum mutiert (zeitgenösische Zombiefilme verfolgen meines Erachtens einen anderen Ansatz, eine andere Furcht, wenn auch mit dem selben Mittel - das jedoch auszuführen würde jedoch zu weit führen - kurz gefasst ist es eher als 'dezivilisiertes' Verhalten zu bezeichnen, wie es sich z.B. in '28 Days later' am Beispiel der Aggression zeigt, daher auch die hohe Geschwindigkeit, welche die Untoten erreichen).
Das Böse kann nicht allein durch Anwesenheit glänzen, sondern droht mit Transformation. Der Horror entspringt der Vereinzelung des Individuums, das doch trotz seiner Anlage die große Gemeinschaft schätzt. Kurzum: Ihre Motive sind uns entgegengesetzt - ihr Sieg ist unsere Niederlage. Dem Einzelnen kann nichts antagonistischeres entgegentreten, als die namenlose, verlangsamte Masse der lebenden Untoten. Der Horror ist metaphorischer, als der Grad der Gewalt vermuten läßt. Und er ist tiefgreifender, weil existentiell, über die einfache Dichotomie von Leben und Tod springend. Und weil er Vereinzelung und Vermassung gleichermaßen als unerträgliche Daseinsform markiert.
Teil IV: Zurück zum Jetzt - Der "pure" Horror!?
Die Enthemmung der Gesellschaft hat vielleicht dazu geführt, dass wir die Monstren der heutigen Zeit nicht mehr als so erschreckend darstellen müssen. Es können normale Leute unter Masken sein, Alltagsgesichter. Die Monstren müssen nicht mehr stellvertrentend für eine nur andeutbare Gewalt sein. Potentiell wird hier Raum dafür, uns im Bösen zu spiegeln.Doch mit dem Anstieg des Grades der Brutalität steigt auch jener der Banalität, zumindest was ein dahinterliegendes Böses anbelangt. Das Böse wird marginalisiert. Und ich sage spitz, dass dies auf psychologischer und körperlicher Ebene eschieht. Unterstrichen wird dies in 'Saw' zum Besipiel durch die Fallen. Die Ausübung der Gewalt ist einem etwaigen "Täter" enthoben. Das Ganze funktioniert auch ohne ihn.
Psychologische Erklärungen werden beinahe beiläufig dem Zusachauer vorgeworfen. Sie klingen beliebig, selbst wenn sie aus der Perspektive der Story interessant sind. "I always wanted to be a surgeon.", hören wir in Hostel. Und eine weitere Erklärung benötigen wir nicht. Die plakative Langeweile des schnöden Arbeitsalltags kann nicht gelten - allenfalls für den Kinobesucher, dem es nach Unterhaltung giert. Die psychischen Prozesse im Inneren des Bösen sind nicht handlungs-, allenfalls tötungsentscheidend. Dies ist wiederum insbesondere in Saw erkenntlich.
Ich wage die Behauptung, dass selbst heutige Filme, die einen Horror auf psychische Ursachen zurückführen oder gar auf psychischem Terrain spielen, nur die Form imitieren, selbst aber anti-psychologisch auf Seite des Täters bleiben.
Die körperliche Gebrechlichkeit des Drahtziehers in Saw könnte als jenes verlorengegangene Stigma des klassischen Monsters gelten. Aber es kann mehr als Remineszens, denn als Aussage gelten. Die Gebrechlichkeit mag vielleicht als Kapitulation des Einzelnen gelten, etwas Böses zu leisten. Dies ist gerade auch in den zweifelhaften Versuchen verdeutlicht, die Opfer als in irgendeiner Art als 'böse' zu überführen (Sex-Tourismus in Slowenien, Raffgier, etc.). Die Versuche der Täter scheitern jedoch an ihrem Gewicht.
Ihr Motiv ist das nihilistische, allenfalls das erlebnisorientierte (wenn nicht für sie selbst, so in der Logik des Films) - ihr Sieg oder ihre Niederlage ist unbedeutend geworden, weil nur die Gewalt auf dem Weg zählt. Wie ein vereinzelter Zombie sind sie nahezu anti-psychologisch, marginalisiert. Während die ersten beiden Typen nicht darauf angewiesen sind, die Motive des Täters zu verschleiern, um Spannung zu erzeugen, ist genau das eines der letzten Spannungsmomente dieses Typus. Monster, bzw. Zombies brauchen nicht ihre Intention zu verstecken, weil sie zu sichtbar sind. Verschwindet mit dieser Offentsichtlichkeit, die gegen eine versteckte Rechtfertigung ausgetauscht ist, auch das Böse?
Teil V: Wo ist das Böse, wenn man es einmal braucht?
Leicht könnte man nun in eine kulturkritsche Argumentation verfallen, die jedoch die Möglichkeiten der neuen Position verkennt. Diese neue Position, die sich in ekelhafter Sinnlichkeit und körperlicher Reflexion manifestiert. Die Marginalisierung des Bösen schafft Raum für körperliche Befindlichkeiten. Für die Reflexion von Gewalt.
Was bedeutet das für das Böse? Vermutlich ist es der metaphysischen Geschichtenverbrennung zum Opfer gefallen. Das Böse selbst ist etwas wahrhaftes, etwas, dass über sein Sein hinausweist. Die Gewalt jedoch ist etwas wirkliches, etwas, dass für sich selbst, auf sich selbst verweist und keiner weiteren, darum herum konstruierten "großen Geschichte" bedarf.
Man könnte behaupten, dass das Interesse am Bösen, da es sowieso relativ erscheint, verloren gegangen ist. Das Interesse an der Extremsituation ist es nicht. Und es erscheint interessanter, uns als Opfer zu betrachten, wenn uns das Böse schon entrissen wurde, als uns selbst mit dem Bösen auseinanderzusetzen. Es scheint über die psychologische Interpretation hinaus nichts neues am Bösen zu entdecken zu sein (Fast sinnbildlich vielleicht die Überflüssigkeit eines 'Hannibal Lecter' Films, der seine Jugend behandelt). Zumindest was Gewalt angeht. Die Psychologie indes haben wir (vermutlich in einem einfachen Prozess der Ausdifferenzierung) vom Horror in den Thriller überführt. Was dem Horror bleibt ist die psychische Banalität der Gewalt und ihre physische Allmacht. Der Input von Extremsituationen (siehe 'The Descent'), dem wir warum auch immer ausgeliefert sind, fesselt uns weiterhin.
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