Markowitsch behauptet: „Neuronen sind nicht böse“. Dem stimme ich zu. Neuronen können sich weder gut noch böse verhalten, weil sie keinen freien Willen haben. Neuronale Aktivität ist determiniert. Nun schließt Markowitsch daraus, dass auch das Handeln des Menschen determiniert ist. Dem stimme ich nicht zu.
Markowitsch argumentiert mit einer unter Hirnforschern üblichen ‚Milchmädchenlogik’: Handeln sei neuronal determiniert; demnach sind neuronale Strukturen bzw. Prozesse ursächlich und bestimmend für konkretes Handeln. Beiläufig wird hier ein Fehler wiederholt, der als falscher Fünfziger (...taucht immer wieder auf...) der Forschungslogik gelten kann. Nämlich die Annahme von Kausalität zwischen Mikroentitäten und Makrophänomenen. Von einer analytischen Ebene auf die nächste höhere kommt man aber nur per Aggregation – nicht durch kausale Verlinkung.
Der handlungsbestimmende Wille wird nicht durch neuronale Strukturen und Prozesse determiniert, sondern er ist in gewisser Hinsicht diese neuronale Aktivität (NA). Zwischen NA und Wille lässt sich unter kausal-konzeptionellem Aspekt keine Ursache-Wirkung-Differenz konstatieren. Unter dem Aspekt der Analyseebene muss es hingegen per se einen Unterschied zwischen NA und Wille geben: auf Mikroebene heißt das Analyseobjekt ‚Neuron’ bzw. dessen Aktivität; auf Makroebene geht es um das Phänomen ‚Wille’.
Der Unterschied zwischen NA und Wille wird deutlich bei dem Versuch, entsprechende Determinanten zu ermitteln. Jedes separate Neuron ist in seinen Prozessen total determiniert – durch einen ‚Input’, welcher sowohl von anderen Neuronen desselben Hirns stammt als auch von nicht-neuronalen Quellen. Als Kausaldeterminanten eines Willensträgers (d.h. eines menschlichen Subjekts) kommen allein Umweltfaktoren in Frage. Die Umwelt determiniert aber Willen und entsprechende Handlungen lediglich kontingent – nicht total. Das Subjekt muss sich für eine konkrete Variante aus dem Handlungskontingent entscheiden. Ein solcher Entscheidungsprozess ist ein isolierter subjektinterner Vorgang und mithin nicht determiniert. Noch mal zur Erinnerung: das Kausalitätskonzept kennt Determinanten nur als externe Faktoren. Ursache und Wirkung dürfen nicht entitätsidentisch sein. ‚Interne Kausaldetermination’ ist ein Widerspruch.
Meine Argumentation ist mehr als nur eine analytische Pedanterie. Wille lässt sich zwar zu NA disgregieren. Jedoch bedeutet eine solche Disgregation nicht nur eine empirische Reduktion des Phänomens Wille auf das Neuronen-Material, sondern eben auch eine phänomenologische Disqualifizierung. Denn es lässt sich eben nur Materie auf Materie reduzieren; Qualitäten von Phänomenen sind irreduzibel. Kurzum: das Material des Willens sind Neurone, die phänomenologische Qualität des Willens lässt sich hingegen nur auf der Makroebene verorten und ist nicht auf Elemente der Mirkoebene reduzierbar. Markowitsch berücksichtigt die phänomenologische Qualität des Willens einfach nicht. Er ist nassforsch und springt in nicht zulässiger Weise vom Material zum Phänomen – schneller als man ‚Willensfreiheit’ sagen kann.
Wird man mir an dieser Stelle etwa Metaphysik vorwerfen wollen? Dann müsste ich wohl mit dem Vorwurf des Empirismus kontern. Es ist eben nichts weiter als eine methodologische Vorentscheidung, wenn man Realität als Summe objektiver, empirisch fassbarer Fakten begreift. Ein solches Paradigma kann phänomenologische Qualitäten nicht reduzieren – es ist ihnen gegenüber lediglich blind.
Zur Verteidigung des empirischen Paradigmas muss allerdings angemerkt werden, dass die Wissenschaft gar nicht auf der Suche nach Wahrheit ist. Die (empirische) Wissenschaft hat ein Recht auf Blindheit. Sie ist stattdessen auf der Suche nach Verfügbarkeit. Verfügbar gemacht wird die Welt aber nicht mit Wahrheit, sondern mit brauchbaren Illusionen; mit Interpretationen. Und tatsächlich sind die Konzeptionen von Objektivität und Kausalität sehr nützliche Interpretationen. Dennoch sind Neuronen nicht weniger Illusion als Konzeptionen wie Freiheit, Verantwortung etc. Die Erforschung des Hirns und seines Funktionierens macht uns die Welt sicher unter dem einen oder anderen Aspekt besser verfügbar. Vor Gericht geht allerdings ohne Willensfreiheit und Verantwortung gar nichts.
Die Suche nach Determinanten kriminellen Verhaltens hat ihren Konjunkturzyklus. Nicht auf Neurone schaute man z.B. in der Weimarer Republik, sondern auf physiognomische Merkmale. Diesbezüglich sollte ein Kommentar von Georg Christoph Lichtenberg (1777, zitiert nach Weber 2007) genügen: „Wenn die Physiognomik das wird, was Lavatar von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen, ehe sie Taten getan haben, die den Galgen verdienen“. Und wenn die Hirnforschung das wird, was Markowitsch von ihr erwartet? „Was für eine Art Gesellschaft haben wir dann, wenn Menschen einem Test unterworfen werden, die keine Tat begangen haben? Die möglicherweise präventiv Erziehungsmaßnahmen unterworfen werden, weil man sagt: es gibt ein Risiko von 70 Prozent, dass sie zu Vergewaltigern werden. Es wäre ein Überwachungsstaat“ (Reemtsma).
NA und Willensfreiheit sind also differente Interpretationen, um die Welt menschlicher Handlungen verfügbar zu machen. Es stellt sich nun die Frage, um welche Art der Verfügbarmachung es sich bei den jeweiligen Interpretationen handelt. Die NA-Interpretation des Handelns (dann eigentlich: des Verhaltens) sucht nicht nach der Selbstverfügbarkeit des Individuums. Im Kern sucht sie nach totaler Prediktion. Ein solches Menschenbild würde uns aber zum fatalistischen Publikum unserer selbst degradieren: wir würden uns nur noch beim passiven Treiben durch die Weltgeschichte beobachten. Oder wie Reemtsma es ausdrückt: nach diesem Menschbild laufen „wir alle wie ferngesteuerte Maschinen durch die Gegend“. Dieser Fatalismus käme letztlich einem Kontrollverlust gleich (...alles läuft kontrolliert ab, aber eben nicht von mir bzw. uns kontrolliert). Denn Kontrolle ist ein Willensakt. Totale Gewissheit ist derweil nur zum Preis des Nihilismus zu haben. Manche Kollegen würden so etwas als letzte Stufe eines dialektischen Prozesses beschreiben: eine zu Tode kontrollierte Welt.
Quasi ein Nebenprodukt der Abschaffung der Freiheitsgrade ist die Hinrichtung der Menschenwürde. Denn die Würde des Menschen ist es, sich für ‚Gut’ oder ‚Böse’ entscheiden zu können; fähig, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und die Folgen seiner freien Entscheidung als Konsequenzen zu tragen.
Literatur & Quellen:
Förster, Martin 2006. Intelligenz und Willensfreiheit.
Pico della Mirandola, Giovanni 1486. De hominis dignitate.
1 Kommentar:
Dankesehr! Hoch interessant. Eine Antwort ist in Arbeit...
Kommentar veröffentlichen