Mittwoch, 26. September 2007

Horror ist, wenn man trotzdem lacht ???

Ich habe da ein paar Anmerkungen zum sehr inspirierenden Beitrag von Paul.

Zuerst ist der Film als Erzählform an seine erzählerische und technische Umsetzbarkeit und als kommerzielles Produkt an Rentabilitätserwartungen gekoppelt. Als Objekt der Kulturindustrie muss eine (aktive) kritische Position von Hollywoodfilmen grundsätzlich bezweifelt werden. Eher ist zu vermuten, dass Filme allgemeine, legitime Verarbeitungen von Debatten und Problemdiskursen der Gegenwart darstellen, in denen vorhandenes und allgemein Bekanntes neu - und zwar fiktiv - zusammengestellt wird.

Außerdem muss man fragen: Welche Rolle nimmt der Horrorfilm in der Gattungsart Film ein und welche Alleinstellungsmerkmale lassen sich überhaupt aufzeigen? Gerade Filme wie „Hitch der Date Doktor“ oder „Email für Dich“ sind eher standardisierte Produkte, die aktuelle Probleme thematisieren und Handlungsorientierung geben: Was wollen Frauen (oder Männer) überhaupt? (Exakt das gleiche Problem wird im übrigen auch in den Beschreibungen von Luhmann in Liebe als Passion behandelt). Die Abhandlung: „Wie bekomme ich eine Frau oder wie bekomme ich Sie dazu, dass Sie das macht was ich will ...“ ist auch Gesellschaftskritik, denn sie nimmt im Hintergrund Bezug auf Individualisierung von Lebensläufen, neue Partnerschaftsentwürfen, Ent-Traditionalisierung und räumliche Entbettung. Der Horrorfilm hat aber eine ganz gute Ausgangposition. Die Gewaltdarstellung und Spannungsmomente schränkt das Zielpublikum stark ein (ab 18 Jahre, eher Männer als Frauen), so dass es sich vielleicht um eine spezielle und aufnahmebereite Population handelt.

Grundsätzlich muss man zudem noch das Horrorfilm-Genre auf einem Kontinuum abtragen. Auf der einen Seite wird die Bedrohung oder das „Monster“ von psychisch-kranken/ psychopathischen Individuen gestellt, auf der anderen Seite steht das Übernatürlich als Ursache. Hannibal ist eindeutig Vertreter der ersten Kategorie - Hostel, Scream, Saw möglicherweise auch. Während Zombies oder auch Alien eine Zwischenposition einnehmen - nicht psychopatisch, wissenschaftlich erklärbar, aber dennoch außer- und zum Teil auch übernatürlich. Filme wie Es, Freddy, Poltergeist, Final Destination oder Tanz der Teufel dagegen sind eindeutig übernatürlich. Verwandschaften zu Mytsery, Fantasy oder Thriller müsste man auch prüfen.

Auch einen „Paradigmenwechsel in Idealtypen“ sehe ich nicht - da die jeweils anderen Formen in anderen Filmen immer weiter mitreproduziert werden. Es handelt sich denke ich eher um eine Anreicherung des Horrorfilmspektrums. So würde ich vorschlagen weniger in Paradigmenwechseln sondern in Dimensionen zu kategorisieren. Zu beobachten sind dann dominante Kombinationen dieser Dimensionen, die sich über den Zeitverlauf hinweg verschieben. Für jede dieser Ausprägungen wäre dann zu fragen: in wie weit sich diese an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen orientiert sind oder sogar gesellschaftskritisch sind.

Die Ausarbeitungen von Paul lassen sich meines Erachtens um die folgenden Dimensionen erweitern. (Dabei gehe ich eher auf die Kategorie übernatürlich ein - siehe oben):

Horror als Verarbeitung der Risikoproblematik (vgl. Beitrag von Tilo)

Ausgangspunkt und Quelle des Horrors ist hier zum einen ungewollte Handlungsfolgen von gesellschaftlichen Prozessen oder Entwicklungen. Der Horror symbolisiert individualisierte Folgen (Bedrohung, Verletzung, Tod) von riskanten Umweltveränderungen (nuklear, chemisch, ...) oder riskanten Technologien (Maschinen, Roboter, Computer, Fahrstühle ...). Horror – oder hier meist das „Monster“ – ist das Produkt einer menschengemachte Umwelt und richtet sich als Folgen zurück auf den generalisierten Verursacher: den Menschen bzw. der Menschheit, genauer die Gesellschaft (Godzilla, der Weiße Hai, ...). Nicht selten ist dieses gepaart mit dem Auseinanderfallen von Entscheidern und Betroffenen (Opfern). Wobei sich oft als Moral am Ende das Monster gegen den eigentlichen Verursacher richtet und so die „Gerechtigkeit“ zwischen Verursacher und Betroffenen wieder hergestellt wird (Sozialromantik).

Horror als Ausgangspunkt für Vergemeinschaftung

Horror ist gerade nicht gesellschaftliche Inklusion sondern die (relative) Abwesenheit von Gesellschaft (Gewaltmonopol, spezialisierte Organisationen, Kommunikationsmedien). Die sichergeglaubte Polizei oder das Militär sind eben gerade nicht da wenn man sie braucht - oder taucht erst am Ende auf, um den Status Quo/ Normalität wieder herzustellen. An einem abgeschiedenen oder abgeschnittenen Ort, zwingt Horror zur Bildung von „Überlebensgemeinschaften.“ Oder die Erlebnisse und Bedrohungen werden nur von einem engen Kreis wahrgenommen und gerade nicht gesellschaftlich geteilt. In dem Moment indem sich die Gruppe spaltet oder ein Gruppenmitglied von den anderen getrennt wird, weiß man, dass gleich „einer dran glauben muss.“ Gegen die Gemeinschaft zu arbeiten bedeutet den sicheren Tod. Wenn überhaupt ist auch hier Sozialromantik, als Gemeinschaftsromantik, der Ausgangspunkt und weniger wirkliche Kritik: „Wir müssen nur zusammenhalten, dann wird alles gut.“ Hier zeigt sich aber besonders, dass der Film als Erzählform aus der Perspektive einer Gruppe besser funktioniert als in anderen Formen. Die Logik des „Einer-Nach-Dem-Anderen“ einer überschaubaren und darstellbaren Einheit vermittelt den Spannungsbogen und bringt den Plot weiter.

Horror als Zwiespalt gegenüber Rationalisierung

Anschließend an die Risikoproblematik oben fällt auf, dass Horror nicht selten mit einer Rationalisierungskritik - zum Teil explizit mit Fortschrittskritik (wissenschaftlich, vor allem aber technisch) verbunden ist. So sind es speziell skrupellose Konzerne (Alien, Resident Evil), korrupte Wissenschaftler (Dr. Mabuse) oder das Militär (Predator), die desaströse Folgen in Kauf nehmen, um ihren Gewinn zu maximieren.

Dazu kommt, dass der übernatürliche Horror genuine Rationalisierungskritik beinhaltet. Er richtet sich gegen die Entzauberung der Welt. Horror ist hier das Übernatürliche, das mit den rationalen Werkzeugen unserer Kultur nicht zu erklären ist. Westliche Rationalisierungsversuche scheitern wenn eigentlich unbelebte Gegenstände ein Eigenleben entwickeln (Chucky) oder Kräfte das gewohnte und sicher-geglaubte Umfeld verändern (Es, Poltergeist).

Horror ist aber zugleich auch Objekt der Rationalisierung. Man möchte mindestens den Ursachen des Schreckens auf den Grund gehen, eine (logische) Erklärung finden: „... ah Ahnenfriedhof unter dem Haus !!! Na wenn ich das gewusst hätte ... .“ Vielmehr wird der Horror – in Form des Monsters – zur bearbeitbaren/ gestaltbaren Tatsache. Zweck-Mittel-Beziehungen müssen ausprobiert und am Objekt auf ihre Wirksamkeit im Kampf gestestet werden. Gegenstände müssen zu Waffen oder Verteidigungsobjekten verarbeitet werden, um die Existenzbedrohung zu bewältigen. Die Mitglieder der Überlebensgemeinschaft müssen zusammenhalten und ihre Fähigkeiten und Wissen einbringen, um die Herausforderung zu bewältigen.

Nur in der Dimension „Horror als Verarbeitung der Risikoproblematik“ übernehmen einige Horrorfilme eine differenzierte gesellschaftskritische Position - zum Teil ist diese auch stereotyp und polemisch - nach dem Motto: „Wenn wir nur unseren Müll trennen und keine chemischen Reiniger benutzen, dann können wir auch wieder sicher baden gehen... .“ (Das ist aber auch in Filmen wie "the day after tomorrow" der Fall - in dem es zweieinhalb Stunden langweiligerweise einfach nur kalt wird ... .) Ob diese Kritik aktiv und progressiv ist möchte ich bezweifeln. Eher handelt es sich hier um Reflexe von öffentlichen Debatten, welche die Zuschauer auf der Leinwand wiedererkennen und zu denen sie eine Verbindung aufbauen können. Auf der anderen Seite finden sich Elemente, die sich gerade auf die Abwesenheit von Gesellschaft beziehen und andererseits Elemente, die positiv auf Gesellschaft Bezug nehmen bzw. eine positive, d.h. funktionale Rolle und keine genuin kritische, für die Gesellschaft einnehmen (Teamgeist, Kreativität, Bildung...).

Ein weites Feld ...

1 Kommentar:

Tilo Grenz hat gesagt…

Hmmm, denke dran Paul, dass du bei deiner Synthese auch die Kommentare mitberücksichtigst...