Transformationsprozesse sind Realitäten sozialer Systeme; keine Exzeptionen, sondern ‚business as usual’. Für eine wissenschaftliche Soziologie ist sozialer Wandel also ein erklärenswertes Phänomen. Die Attribuierung einer Disziplin als ‚wissenschaftlich’ bedeutet aber mehr als nur die Vorschrift, dass das Objekt des Forschungsinteresses einen empirischen Referenten haben muss. Es werden damit auch Anforderungen an Methoden und Konzeptionen gestellt. Eine wissenschaftliche Erklärung ist die Assoziation einer Wirkung mit einer Ursache. Die analysemethodische Anforderung dabei: Varianz (der Wirkung) auf Varianz (der Ursache) zurückführen. Eine Soziologie des sozialen Wandels, muss entsprechende Transformationsprozesse (=Varianz der Wirkung) also mit nicht-statischen Faktoren (=Varianz der Ursache) erklären.
Kron „versucht, das aus dem Bereich der Physik stammende Theorem der Selbstorganisierten Kritikalität auf die Gesellschaft zu übertragen, um soziale Transformationsphänomene zu erklären“ (Kron 2007:1). Die Systemeigenschaft der ‚Selbstorganisierten Kritikalität’ (SOK) impliziert, dass entsprechende Systeme auch skaleninvariant sind (Kron 2007:5). Damit ist dem SOK-Theorem jedoch die Erklärungsschwäche inhärent. Denn die Konsequenz der Skaleninvarianz ist: „Wenn der gleiche Vorgang in allen Größenbereichen abläuft, dann haben große und kleine Konsequenzen die gleiche Ursache“ (Kron 2007:6). Die Varianz der Wirkung wird hier also nicht auf eine Varianz der Ursache zurückgeführt. Das SOK-Theorem taugt somit nicht zur Erklärung.
Woher kommt nun aber die Behaglichkeit, welche einige Soziologen bei solchen nichtserklärenden Theoremen empfinden mögen? Was ist die Leistung des SOK-Theorems? Die Antwort: es verströmt eine geradezu ‚hermeneutische Wärme’. Soziale Transformationsprozesse werden zwar nicht erklärt – aber es wird ihnen eine Deutung verpasst, welche, da sie der Physik entstammt, mit einem Nimbus der Objektivität aufwarten kann. Das SOKTheorem deutet die Wandlung sozialer Systeme als eine systemimmanente Entwicklungslogik. Nichts weiter als dies wird behauptet: Systeme mit der Eigenschaft SOK sind dynamisch. D.h. wenn an sozialen Systemen Wandlungsprozesse konstatiert werden können, dann sollten wir uns nicht wundern – dann sind es wahrscheinlich SOK-Systeme. Indes ist es das Elend dieser Deutung, dass sich SOK an sich nicht messen lässt. Nur die Folgen könnten – ad hoc – auf diese Systemeigenschaft verweisen.
Sozialen Systemen eine Entwicklungslogik zu unterstellen ist nichts Neues. Eigentlich ist sozialer Wandel ein ganz alter Hut: von Hegel über Marx bis Dahrendorf und hinter dem Horizont geht’s sogar noch weiter. Vor allen Dingen: einige dieser alten Hüte passen besser als SOK – denn sie können, zumindest theoretisch, Erklärungen leisten. Sie bieten uns nicht nur Deutungen des sozialen Wandels an, sondern daneben auch Hypothesen über konkrete Transformationsresultate und intervenierende Faktoren. Diese Hüte kann man aufsetzen.
An einer einzigen Stelle könnte man geneigt sein, dem SOK-Theorem doch noch etwas Erklärungskraft zuzugestehen: die Dauer der Latenzphase ist messbar und die Varianz dieser Dauer (als Ursache) könnte die Varianz des Transformationsrisikos (als Wirkung) erklären. Je länger also die Latenzphase andauert, desto höher das Transformationsrisiko. Unter formalem Aspekt ist dies zwar eine Erklärung – aber völlig ohne Substanz. Denn Zeit (Dauer) an sich kann kein erklärender Faktor sein; Zeit ist lediglich eine Residualkategorie für die Effekte nicht gemessener Faktoren.
Über dem Versuch, das SOK-Theorem für eine ‚Physik des sozialen Wandels’ fruchtbar zu machen, hängt von Anfang an das Damoklesschwert der Erklärungsschwäche. Diese Kritik wiegt umso schwerer, da es erklärungskräftigere Theoreme gibt. Aber der Kaiser wollte eben immer die besten und neuesten Kleider. Und wie der Kaiser mit seinen neuen Kleidern letztlich nackt war, so ist auch sozialer Wandel mit dem SOK-Theorem theoretisch ‚nackt’ und unerklärt.
Referenz
Kron, Thomas 2007. Die Physik des sozialen Wandels. Hamburg Review of Social Sciences 2/2:1-30.
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