Dienstag, 25. September 2007

Vom alltäglichen Bedrohungsrisiko oder; Gewalt & Horror. AUS der Gesellschaft IN die Gesellschaft

Prolog

Wir befinden uns mehr als Anwesender denn als Zuschauer inmitten einer kleinen illustren Gruppe von unterschiedlicher Provenienz. Man isst gemeinsam, raucht, juxt und erfreut sich offenbar an der kurzen willkommenen Ruhepause. Die Kamera vermittelt uns durch die bedächtig ruhige Fahrt von Gesicht zu Gesicht zusätzlich ein wohliges Moment gegenseitiger Vertrautheit. Unversehens windet sich jedoch im nächsten Moment einer aus unserer Mitte qualvoll auf dem Tisch, der Augenblicke vorher noch reichhaltig gedeckt unhinterfragtes Symbol leiblicher, existenzieller Vollkommenheit war. Die eben noch in seraphischem weiß schimmernden Einheitskleider, unbefleckt und steril, färben sich geradezu blitzartig in ein dunkles Rot. Erst jetzt realisiert unser Gehirn, dass sich eine bedrohlich steigernde Orchestermusik nebst gleichsam stroboskopartig anschwellenden Schmerzenschreien in die Situation mischt. Im nächsten Moment bricht durch den Brustkorb unseres gepeinigten Freundes ein blutbenetztes kleines Geschöpf...

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Die Gegenwartsdiagnostik im Genre Horrorfilm – Von der alltäglichen Omnipotenz der Bedrohung

Gleich mehrerlei Gründe sprachen für die Schilderung dieser bekannten Szene des 1979`er ‚Alien’ von Ridley Scott.

Zunächst repräsentiert die Alien- Trilogie für mich die Rezeption und Evolution des modernen – man muss ja sagen abendländischen – Bösen (womit die Rezeption und nicht das ‚Wesen’ des Bösen gemeint ist) schlechthin, auch wenn man sich hinreichend über die Genrezuordnung streiten könnte. Leider kann ich in diesem Rahmen nicht mehr auf die so bezeichnend unterschiedlichen Motive der Trilogie innerhalb des vergleichsweise so kurzen overall- Entstehungszeitraumes 79 - 92 eingehen. Es zeigt sich jedoch nicht zuletzt, um welche Zeitspanne es mir speziell bei meinen folgenden Erläuterungen gehen wird.

Andererseits veranschaulicht die Szene sehr schön das Kernargument meiner Argumentation, welches man unter verschiedene begriffliche Konstrukte (je nach Perspektive) fassen könnte: ganz allgemein zielt es auf die faktische Omnipräsenz des Bedrohungsrisikos in der so genannten risikogesellschaftlichen Moderne, welches zunächst jeden treffen kann und durch jeden transportiert letztlich in einem intersubjektiv praktizierten Vergesellschaftungsmodus stets reaktualisiert wird.

(In diesem Sinne habe ich mir viel Zeit genommen und erlaubt, den obigen Einleitungsbeitrag so auszugestalten (natürlich in völliger Korrespondenz mit der filmischen Vorgabe), dass die Kernmotive sozusagen von selbst heraustreten und unabhängig von meiner nachfolgenden Argumentation gleichermaßen weiterreichendes metaphorisches Anschlussmaterial für das Thema an die Hand geben: das Motiv imaginierter Sicherheit als einer der Kernmodi moderner Rechtsstaaten; die Wichtigkeit allgegenwärtiger symbolischer Reinheitsmotive als (moralische) Stabilisierungsmomente; Multikulturalität usw. usw..)


Damit verstehe ich den entstehungszeitlichen Kontext des beispielhaft angeführten Science- Fiction- Horrorthrillers als den rahmenden Fokus einer bestimmten medialen Rezeptionsepoche die Rekurs nimmt auf eine, „… Gesellschaft […die] seit Anfang der achtziger Jahre offenbar wieder konflikthafter […], ‚kälter’, unbehaglicher geworden [ist]“. (Schimank: 2000, 11)

Man bemerkt, dass ich die mediale Adaption der vielfältigen Gewaltmomente im Horrorfilm zunächst primär als die synchrone (vs. Marin) mediale Reflexion gesellschaftlicher Bedrohungsmomente interpretiere und diese als Reaktion auf die vielgestaltigen aktuellen Feind- & Bedrohungsbilder westlicher Gesellschaften (wirtschaftlicher-, sozialer-, interkultureller-, religiöser-, ökologischer Natur: oder ganz plakativ: Tschernobyl, Golfkriege, Afghanistan, nahöstlicher Terrorismus, „9/11“ und „Heuschrecken“, , kulturelle Kontamination a la „Kopftuchdiskurse“, „Hatz IV“, das neue „Prekariat“ usw.). Man ist versucht, von einer Bedrohungskulmination innerhalb der letzten drei Jahrzehnte zu sprechen, bedenkt man die qualitativ- multivalenten Ursprünge dieser (ein markanter Unterschied etwa zur Bedrohungslage etwa der häufig angeführten 40`er Jahre des 20. Jahrhunderts).

Der aufmerksame Leser wird zudem feststellen, dass sich durch die Bezeichnung meines Kernargumentes automatisch mehrere Betrachtungsdimensionen eröffnen: eine Selbstbeobachtung moderner Gesellschaften hinsichtlich

(a) ihrer (makro)politischen-, ökonomischen- und ökologischen Bedrohungsmomente und

[„Nicht nur die Drohung einer nuklearen Auseinandersetzung, sondern auch die Wirklichkeit militärischer Konflikte…“ (Giddens: 1996, 19) führten Anthony Giddens und (sinnbildlich) gleichermaßen Ulrich Beck zur Attestierung einer „Schattenseite“ (ebd.) der Moderne.]


(b) hinsichtlich ihrer intersubjektiven (post)modernespezifischen Gesellungsmodi, Schlagwort: Vereinzelungs- und Anonymisierungstendenzen aufgrund radikaler individualer Freisetzungsmomente.


Es liegt auf der Hand, dass beide Dimensionen in einem wechselseitigen Wirkungszusammenhang stehen. Das ist keine neue Erkenntnis und lässt sich m.E. durchaus pointiert bei A.Giddens, im minuziös ausgearbeiteten Wechselspiel von Handlung und Struktur, nachlesen. (vgl. etwa Giddens: 1984)


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Reaktion auf Paul – Die Bedrohung als ständiger Begleiter

Nach der sehr kurzen Präsentation meiner eigenen gesellschaftsdiagnostischen Anbindung des Mediums und dessen Motive an die aktuelle Gegenwartsgesellschaft, möchte ich Paul natürlich nicht die angemessene Reaktion auf seinen Beitrag speziell schuldig bleiben. Ich werde diese Zeilen außerdem nutzen, um den oben vielleicht so apodiktisch wirkenden Beitrag weiter zu veranschaulichen.

Ich halte das Ansinnen, die filmische Rezeption am speziellen Beispiel des Horrorfilmgenres als Reflektor gesamtgesellschaftlicher Tendenzen zu betrachten, ebenfalls für außerordentlich fruchtbar und möchte Paul für diesen außerordentlich spannenden Impuls danken. Man wird sich natürlich darüber einig sein, dass nicht jedes Werk als verlässlicher Repräsentant eines solchen Spiegels gewertet werden kann, weshalb Paul völlig richtig auch INNERHALB des vorgeschlagenen Genres nach solcherlei Tendenzen und nicht nach Einzelfällen zu suchen beabsichtigt. Des Weiteren halte ich die Abweichung von der klassischen wissenssoziologischen Tradition, mit welcher sich zuweilen jeder theoriebewaffnete Universitätsabkömmling hätte einfach der Thematik bedienen können, zu Gunsten einer eigenständigen Typologie, für sehr erfrischend.

Allerdings zeigt sein Versuch m.E. auch einige Beschränkungen auf. Vielleicht auch die geradezu reflexhafte Reaktion Martins mit sofortiger sozialhistorischer Rückbindung zeigt, dass Paul uns letztlich sein Anfangsversprechen schuldig bleibt, "Tendenzen gesellschaftlicher Entwicklungen auf[zu]zeigen". Betrachtet man nämlich das gesellschaftliche Selbstbeobachtungspotential durch Horrorfilme/ -thriller, so wie ich es oben versucht habe zu zeigen, dann wird gleichzeitig verstehbar, warum die bei Paul so zentralen Aspekte der 'Psychologie', der 'Gewalt' und des ‚Bösen' in einer Epoche der Risikomoderne geradezu verständlich auseinander treten müssen und warum es damit der so aufwendig ausgestalteten und evidenten Typologie an gesellschaftsdiagnostischer Anbindung mangelt. Die moderne Gesellschaft ist so reich an desintegrativen- und auch faktisch bedrohlichen Momenten (vgl. Dimensionen oben), dass es keiner kreatürlichen Verkörperung durch DAS spezielle Monster per se mehr bedarf und damit schon gar keiner Psychologisierung desselben.

Wie die Anfangsszene aufzeigen soll, gebiert potentiell jeder alter ego das Böse (Bedrohungsmoment b), oder symbolisiert jeder andere als potentielle Zielscheibe die Omnipräsenz der zeitaktuellen Bedrohung (Bedrohungsmomente a).

Damit ist die klassische Frankensteinmonstersymbolik als Spiegel des stigmatisierten bzw. ausgeschlossenen Anderen schlechthin (Alterität; vgl. Simmel – Eine genaue Literaturangabe werde ich versuchen nachzureichen.) aus dem Diskurs entlassen, wie Paul völlig richtig feststellt. Jedoch ist der argumentative Schritt über das völlig korrekte Attest einer entindividualisierten und enthumanisierten Vermassung (Zombi- Genre; hin zur gleichsam animalischen Gewalt der puren Zerstörung wegen) des Bösen zu einer „Banalität“ der Gewalt völlig verkürzt und bleibt diagnostisch unevident, wie ich finde.

Alles, ob Erlebnis oder Bedrohung, ist in der westlichen Gegenwartsgesellschaft einer Pluralität unterworfen, wie ich oben versucht habe aufzuzeigen. (kurzer Verweis um zwei Ecken: FKK- Diskurs; Ja, nicht einmal mehr die Jugendkultur unserer Tage vermag es, adequate konterkulturelle Motive aufzuspüren, denn alles ist bereits entweder en vogue oder zumindest kulturell inkludiert.) Damit wird die Bedrohung alltagspraktisch zu einem ständigen Begleiter (auch hier: vgl. Bedrohungsmomente oben). Und diese Permanenz, oder wie ich es nenne alltagspraktische Omnipotenz, der Bedrohung wird medial reflektiert; und welches Genre eignete sich besser, als das Horror- Genre, operierte es doch seit je her maßgeblich mit dem Faktor Bedrohung. Damit ist uns das Böse an sich nicht entrissen, wie Paul attestiert, sondern ganz im Gegenteil trieft es sozusagen aus jeder Ritze der uns umgebenden Gesellschaft; das Feindbild schlechthin ist damit der zivilisierte Mensch im soziologischen Sinne (welcher Provenienz und welcher Profession auch immer). Dies habe ich versucht an den beiden interagierenden Bedrohungsmomenten weiter oben zu verdeutlichen.

Letztlich mangelt es m.E. der Diskussion an einer griffigen und handhabbaren Unterscheidung von Produktion und Rezeption des besprochenen Mediums generell. Eine solche gilt es nach wie vor praktikabel zu konzipieren. Diesbezüglich möchte ich abschließend noch einmal das Augenmerk auf die Frage nach der retrospektiven (Martin) oder synchronen (Ich) diagnostischen Adaption im Medium Film lenken; werden soziohistorische Großevents eher retrospektiv oder sofort in den Diskurs überführt, eher bewusst oder unbewusst, eher zusätzlich oder zentral? Womöglich lassen sich hier weitere Typologien entwerfen, die die Kategorisierung trennschärfer werden lassen könnten.

Literatur

Giddens, Anthony, 1984: Die Konstitution der Gesellschaft: Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt/ M., New York 1988: Campus.

Giddens, Anthony, 1996: Konsequenzen der Moderne. Frankfurt/ M. 1995: Suhrkamp

Volkman, Ute, 2000: Das schwierige Leben in der „Zweiten Moderne“ – Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ In: Schimank, Uwe (Hrsg.), 2000: Soziologische Gegenwartsdiagnosen I. Opladen. 2000: Leske-Budrich

Eisewicht, Paul, 2007: Von der Faszination der Banalität und dem Verschwinden des Bösen

Förster, Martin, 2007: Horror als Form der Sozialkritik (Fragen an Paul)

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