1. Wie funktioniert Rational Choice?
Rational Choice (RC) ist ein Postulat. Es besagt, dass sich ein Akteur rational – also Kosten und Nutzen kalkulierend – für eine Handlungsalternative aus einem Set von Handlungsmöglichkeiten entscheidet. Kosten und Nutzen sind qualitativ durch das handlungsmotivierende Interesse definiert. D.h. Interessen sind partiell Definiens für Handlungsnutzen und Handlungskosten; und sie sind Movens für Handlungen.
Der rationale Akteur handelt nicht um der Handlung selbst willen, sondern weil er damit ein Interesse ‚verfolgt’; d.h. er handelt intelligibel. (Ich sehe Intelligibilität als notwendige Bedingung für Rationalität an.) Kein Interesse (M = 0) – keine Handlung (RC = 0). Aktivitäten, denen kein handlungsmotivierendes Interesse zugrunde liegt, müssen als Verhalten bezeichnet werden. Handlung A kann nur dann rational gewählt werden, wenn ein entsprechendes Interesse vorhanden ist (M = 1). ‚Entsprechend’ meint, dass der Akteur glaubt, mit dieser Handlung sein Interesse durchzusetzen. In einem Universum, in welchem der Akteur nur eine Handlungsalternative hat, kann diese Handlung nur dann getriggert (RC > 0) werden, wenn der Akteur das entsprechende Interesse hat:
RCA = Mx * BCD[x],A
wenn Mx = 0, dann RC = 0
wenn Mx = 1, dann RC > 0 möglich
Aber das Interesse allein garantiert auch noch nicht die Handlung. Es ist lediglich die Bedingung dafür, dass
a) der Akteur ein Nutzen-Kosten-Differential (BCD) berechnen kann – denn die Interessenqualität (x) konstituiert partiell die Qualitäten von Kosten und Nutzen.
b) das BCD (wenn > 0) einen handlungstriggernden Effekt hat.
wenn Mx = 1 und BCD > 0, dann RC > 0
Die Kernrationalität steckt im BCD-Effekt. In einem Universum, in welchem der Akteur ein Interesse hat (M = 1) und in welchem ihm ein Set aus zwei entsprechenden Handlungsalternativen (A1 und A2) zur Verfügung steht, wird der Akteur diejenige Handlung triggern (wählen), welche das größere BCD (=größerer Nettonutzen) hat.
Mx = 1
wenn BCD[x],A1 > BCD[x],A2, dann RCA1 > RCA2 --> RCA1
wenn BCD[x],A2 > BCD[x],A1, dann RCA2 > RCA1 --> RCA2
2. Endogenisierung und Quantisierung von Interessen
Ein ‚purer’ RC-Frame nimmt die handlungsmotivierenden Interessen als gegeben (exogen). In der naivsten Variante werden Interessen nur unter einem qualitativen Aspekt erfasst: Interessen sind entweder da (M = 1) oder nicht da (M = 0). Wenn wir nun aber die Entstehung von Interessen fokussieren – Interessen also Endogenisieren, dann können wir die quantitative Komponente von Interessen erkennen. Mit ‚quantitativer Komponente’ meine ich, dass Interessen nicht nur da oder nicht da sind, sondern dass sie mehr oder weniger salient sein können. M begreife ich also nicht als dichotome Variable [01], sondern als stetige Salience [0..1].
M nicht als dichotom zu begreifen, leitet sich aus der Endogenisierung von Interessen ab. Ein Interesse besteht aus zwei Komponenten: dem Potential (P) und der Aktualität (S) eines bestimmten Objekts i.w.S. (x). Das x-Potential ist eine Idee darüber, welche Quantität x haben sollte. (Um die Sache einfach zu halten: je mehr ‚gewünscht’, desto größer x). Die x-Aktualität beschreibt die tatsächliche Quantität von x. Ein Interesse bezüglich x entsteht, wenn Potential und Aktualität abweichen, d.h. wenn das Potential größer ist als die Aktualität. Und die Salience dieses Interesses wird umso größer, je größer das Differential zwischen Aktualität und Potentialität ist:
Mx = Px – Sx
Interessen werden also durch die P-Komponente strukturell konstituiert. Interessen sind Ideen und x-Potentiale sind Ideen; und beide sind ‚im’ Akteur instanziiert. Da der Akteur mit sich identisch ist, kann das Potential keine Kausaldeterminante für das Interesse sein. Die Aktualität hingegen ist ein objektiver Fakt. Zwar wird Aktualität nur als Bewusstseinsinhalt motivationsrelevant, aber sie referiert immer auf einen objektiven Fakt. Aktualität ist keine Idee (sondern materiell i.w.S.) und somit nicht mit dem Akteur identisch. Interessen werden also durch die S-Komponente strukturell verursacht.
Die Bedeutung der Quantisierung von Interessen wird deutlich, wenn wir ein Universum annehmen, in welchem der Akteur zwei Interessen hat mit jeweils einer Handlungsalternative. Dem Interesse Mx1 entspricht die Handlung A1; dem Interesse Mx2 entspricht die Handlung A2. In diesem Universum können wir nun einen vermeintlich irrationalen Akteur beobachten:
BCD[x1],A1 > BCD[x2],A2 --> RCA2
Diese Irrationalität ist aber tatsächlich nur putativ, weil in diesem Fall:
RCA2 > RCA1
Die RC-konforme Erklärung dieser Beobachtung gelingt nur durch die Quantisierung der Interessen Mx1 und Mx2: Wenn nämlich Mx1 extrem klein ist und Mx2 sehr hoch, sich aber die jeweiligen BCDs nur marginal unterscheiden. Hier ist also die Salience der Interessen ausschlaggebend.
3. Prediktion von Handlungsresultaten per Interessenermittlung
Es wäre aber etwas dogmatisch, wenn die Endogenisierung und Quantisierung von Interessen lediglich dazu herhalten sollte, das RC-Postulat gegenüber einigen Beobachtungen der Realität in Schutz zu nehmen. Es gibt auch einen forschungspraktischen Mehrwert, welcher mit folgendem Szenario dargestellt werden soll.
Wir beobachten eine laufende Handlung, welche durch ein Interesse aus einem Set mehrerer unterschiedlicher Interessen motiviert ist. Die Handlung ist noch nicht beendet, aber wir wollen eine Prediktion des Handlungsresultats. Des weiteren wissen wir, dass (und wie) das Handlungsresultat von den Handlungsspezifikationen abhängt. Die Spezifikationen sind in diesem Exempel aber nicht beobachtbar. Mit unserer Forschung wären wir gescheitert – wenn wir nicht weiterhin annehmen könnten, dass die Spezifikationen durch das zugrundeliegende Interesse bestimmt sind. Damit sind wir aber immer noch nicht glücklich, denn wir können die Interessen an sich auch nicht beobachten. Was wir allerdings beobachten können:
a) das BCD jeder in Frage kommenden Spezifikation der Handlung.
b) die interessenverursachende und die Salience des Interesses bestimmende S-Komponente für jedes Interesse des Sets.
Wenn wir es nun also mit einem rationalen Akteur zu tun haben, dann können wir das handlungsmotivierende und –spezifizierende Interesse ermitteln, indem wir die Salience der Interessen des Sets und jedes interessenspezifische BCD der beobachteten Handlung berechnen. Und dann gilt: das Interesse, welches mit dem entsprechenden spezifischen BCD multipliziert den größten RC-Wert ergibt, ist das gesuchte Interesse.
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3 Kommentare:
In aller Kürze:
Es drängt sich die Frage auf, wieso nicht auch Sx endogen gedacht werden muss. Trotz Hinweis, die prospektive-'objektive' Überbelastung der Komponente Aktualiät bleibt. Es gibt keine objektive Aktualität S, zumindest keine handlungsverursachende, genauso wenig, wie objektive Interessen. Vielmehr müssen P und S (nach wie vor: Bewusstsein bestimmt Sein und umgekehrt; Marx und Hegel stehen nach wie vor in reziprokr Disposition) als interdependent begriffen werden.
Daher sind sowohl Px als auch Sx der relativen Rezeption des Individuums - auch dem rationalen Akteur- zwangsläufig verbunden, d.h. eine Entkopplung beider für den in prospektiver Absicht liegenden sozialwissenschaftlichen Attestes ist m.E. äußerst unscharf und aus meiner Sicht unzulässig. Nochmals darf ich daher auf die überaus fruchtbare Bereichung durch Gurr`s Theorie relativer Deprivation verweisen. So wird auch die im post eher nebulöse Konzeption von Salienz evident (wem gehört die Salienz; was begünstigt die spezifische Salienz etc.) Eine wie ich finde gelungene Integration in das RC- Theorem liegt mit folgender Arbeit vor: http://economics.gmu.edu/working/WPE_99/99_04.pdf
Unabhängig davon, interessiert mich , wie denn das Kosten-Nutzen-Differnzial "beobachtet" werden kann bzw. soll? (vorletzter Absatz)
Alles in allem: interessant, aber m.E. mehr 'ästhetische' Versöhnung, denn Revision. Zudem, wo bleibt wieder mal die Kulturelle Komponente im Modell?
1.Die Behauptung, es gäbe "keine objektive Aktualität" lässt sich nur von einem radikalkonstruktivistischen Standpunkt durchhalten. Oder von einem Standpunkt, der überhaupt keine Verbindung zwischen Wahrnehmung/Konstruktion und objektiven Fakten sieht. Selbstverständlich - ich habe das auch geschrieben - wird die Aktualität interpretiert und damit subjektiv und/oder intersubjektiv rekonstruiert. Ich denke nicht, dass es eine Anmaßung ist, zu jeder Interpretation/Konstruktion auch ein Interpretandum anzunehmen.
2. Gerade mit meinen Ausführungen habe ich gezeigt, dass Interessen tatsächlich nicht objektiv sind: "Interessen sind Ideen". Das ändert nichts daran, dass sie durch (objektive) Aktualitäten verursacht werden. Dies zu bestreiten bedeutet: 'Interessen-Platonismus'. (hier auch der Hinweis: ich schrieb von interessenverursachender, nicht handlungsverursachender Aktualität).
3. Wieso ist die analytische Entkopplung von Potential und Aktualität "unscharf und [...] unzulässig"? Dass beide Komponenten in "der relativen Rezeption des Individuums [...] verbunden sind" leuchtet mir als Argument nicht ein. Gerade durch die analytische Entkopplung gewinnen beide doch an schärfe.
4. BCD’s werden durch die Begutachtung von Situationen ermittelt. Was Kosten und was Nutzen sind, beruht auf plausiblen Annahmen. Wir beobachten also nicht direkt das BCD, sondern messbare Proxies für die einzelnen Terme.
5. Kulturelle Komponenten habe ich nicht explizit erläutert. Sie haben aber Platz in der Potentialität und in den individuellen Situations- (also Kosten- u. Nutzen-) Definitionen.
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