Seitdem hat sich das Bild von FKK selbst erheblich gewandelt. Und selbst wenn es in der DDR als Protest genutzt wurde, so handelt es sich bei der FKK mittlerweile um einen Brauch oder eine Sitte, die sich einfach eingelebt hat. Dabei hat sie ihren ideologischen Überbau über die Zeit verabschiedet und übriggeblieben ist die einfache Nacktheit als Freizeitgestaltung. Eben in jener Weise zieht sie sich durch alle Altersklassen, als tradierte Form. Von daher würde ich nicht davon sprechen, dass sich diese Praktiken von den Jungen zu den Alten getragen haben, sondern eher umgekehrt.
Wenn es also beim Nacktsein um eine 'Enthemmung' ging, dann ist das schon lange her. Es zeigt aber, wie rebellierende Jugendbewegungen arbeiten müssen. Denn, über welche Ressourcen verfügen Jugendlich denn, mit denen sie ihre Kultur schaffen könnten? Ihr einziges Kapital ist ihr Körper. Und dies führt zu den zwei Werkzeugen, die ihnen an die Hand gegeben sind - Gewalt und Sexualität.
Aber ich möchte Martin wiedersprechen, wenn er meint, jede Jugend müsse der 'Enthemmung' frönen. Zumal es doch Grenzen einer solchen Steigerungslogik gibt. Vielmehr, und das zeigt sich auch bei der Entstehung der FKK, gibt es ebenso reaktionäre Jugendbewegungen. Bewegungen, die eben nicht auf Konfrontation mit der ihnen fremden Gesellschaft gehen. Die 'Indie'-Szene ist vielleicht als eine solche zu beschreiben, da sie sich sogar direkt von Rebellion und Szenen die auf derartige Abgrenzung setzen distanziert. (Man könnte sie These aufstellen, dass sich rebellische und reaktionäre Bewegungen abwechseln.) Letztendlich ist eine reaktionäre Jugendbewegung vielleicht nur die Reaktion auf eine 'enthemmte' Gesellschaft - eine 'kranke' Gesellschaft, die nicht umgestürzt werden braucht, weil man sich seine eigene schafft oder weil sie eben nicht interessiert. Es handelt sich um eine Abgrenzung, aber eine, die nicht auf Konfrontation geht.
Doch zurück zum Moment der Freizügigkeit. Diese mag früher im Sinne einer sexuellen Rebellion oder Ähnlichem als Waffe gedient haben und darin mag ihr Ursprung liegen, aber dieser ideologischen Funktion hat sie sich längst entledigt. Dennoch handelt es sich um ein persistentes gesellschaftliches Muster. Und das vermutlich nicht nur aus reiner Hartnäckigkeit?
Nachtrag 1: Eine interessante Verbindung liese sich zum Vormarsch des Überwachungssystems aufmachen. Diese könnte man kurz darunter betiteln, dass, wer sich verhüllt, nicht nur prüde ist (und man möchte doch modern sein), sondern etwas zu verstecken hat. Damit würde sich das Phänomen der Freizügigkeit in das Spannungsfeld öffentlich-privat stellen.
Nachtrag 2: Ebenso gewagt sei hier der Hinweis, dass ältere Reisegruppen eine Form der Enthemmung der Alten darstellt. Denn nur durch Kontext- und Habituswechsel (z.B. durch dezidiert abweichende, d.h. touristische Kleidung) ist es möglich der kognitiven Dissonanz zu entfliehen. Unter dem Hawaiihemd, den Shorts und der Kamera, quasi der KuKlux-Kapuze der renitenten Spaßrentner lassen sich dann Gruppenkohäsion, Sexualität und Gewalt auch in die Lebensphase Alter holen.
1 Kommentar:
Auch reaktionäre Jugendbewegungen können Enthemmung sein. Ich sehe in der Enthemmung eine Logik der Wandlung – aber eine Richtung oder gar Linearität impliziere ich damit nicht. Auch ein ‚zurück-zum-Alten’ oder ‚back-to-the-roots’ ist noch eine Bewegung weg vom Hier-Jetzt. Eine Wandlung also. Missverständlich könnte gewesen sein, dass ich Enthemmung als Ablösung des Alten durch das Neue beschrieben habe; ich meine aber mit ‚dem Neuen’ nicht das ‚noch-nie-da-Gewesene’, sondern das ANDERE aus der Perspektive des Hier-Jetzt.
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