Interessanter Versuch, den Wandel einer Gesellschaft an ihren Horrorfilmen zu analysieren. Und eine sehr gelungene Typologie! So möchte ich die Typologie auch für ein Wagnis nutzen: nämlich für eine zugespitzte partielle Gesellschaftsdiagnose.
Der Vorteil der Typologie ist ihre Zweidimensionalität: sie definiert für jeden Typ das Konzept des Horrors (mit der Frage: was/wer/wie ist das Böse?) und bestimmt (empirisch) die temporale Verortung.
Fragend und noch unsicher ob der Haltbarkeit, formuliere ich folgende Thesen; sie sind teils Generalisierung (und insofern Zuspitzung) von Pauls Skizze.
1. Der Horror im Film ist retrospektive Sozialkritik; d.h. es wird eine Sozialform o. ein Sozialaspekt kritisiert, welcher faktisch zwar schon überwunden, dessen Schatten (die Erinnerung ans Erlebte und mithin Plausible) aber immer noch ‚horrible’ ist.
2. Auf faktischer sozialer Ebene gab es eine ‚Rettung’ in eine neue Sozialform
3. Mit erneutem faktischen Wandel gerät die vormals ‚rettende’ Sozialform in die Kritik und wird ihrerseits zum neuen Horror
Darauf basierend könnte ich folgendes konstatieren:
Typ I = Individualismuskritik: industrielle Revolution führte zu rasantem Wertewandel welcher auch als Werteverlust wahrgenommen wurde. Die Menschen waren auf sich selbst gestellt, orientierungslos. In den 30ern begannen sich aber die neuen ‚rettenden’ Sozialformen zu etablieren: z.B. der ‚Volkskörper’. Oft wurde dabei eben auch (Werte-) Tradition als ‚soziale Heizung’ simuliert.
Typ II = Gesellschaftskritik: die faktische Vermassung in ‚Volkskörpern’ wurde mit Schrecken erlebt. Rückblickend sah man im Totalitarismus eben nicht mehr das glückselige ‚Aufgehen’ im Ganzen, sondern die Vernichtung des Individuums. Man hatte evtl. noch die eigene Hirnwäsche als das erlebte Grauen vorzuweisen. Und nun? Derart von der Masse untergebuttert konnte man sich ja nicht mehr auf sich selbst verlassen. Die Rettung dieser Zeit: in Subgruppen, den kulturellen Underground – aber gemeinsam mit Anderen.
Typ III = Extremismuskritik: nun hatten sich die Subgruppen also nicht mehr wirklich gegen die Gesellschaft formiert, sie hatten sich einfach abgespalten. Aber irgendwie mussten sie sich ja definieren. Wenn dafür nicht mehr die Gesellschaft als Negativ gelten konnte, dann musste es eben die eigene ‚Kultur’ oder ‚Ideologie’ der Subgruppe sein – aber in verstärkter Form. Es entwickelte sich ein Subgruppen-Extremismus: je mehr Pluralität im Werteangebot, desto unverhandelbarer sind die eigenen Werte. Aber man kann dem Extremisten auch nicht wirklich BÖSE sein. Denn man hat verstanden, dass er quasi ein ‚dialektisch-strukturelles Produkt’ der Gesellschaft ist (- damit widerspreche ich vielleicht Paul?: WIR sind die Nihilisten, nicht das Monster/der Extremist; deshalb wollen wir gar nicht wissen, was seine Motive sind). Er bedroht uns trotzdem; und dafür bleibt ihm die Gewalt (und Gewalt bedroht uns unabhängig davon, ob wir etwas darüber wissen wollen).
2 Kommentare:
Der Preis für den gleichsam fliegenden Diskursanschluss geht wieder einmal an Herrn Förster. Hut ab!
Meine Reaktion auf das unbedingt zu diskutierende Projekt Eisewichts muss noch einige Tage auf sich warten lassen; jedoch soviel bereits vorweg: Auch ich werde die sozusagen eng- angebundene Typologie auf eine gesellschaftsdiagnostische (der Moderneepoche zugeschnittene) Diagnostik zu erweitern versuchen (ein versprochenes Ansinnen, welches meines Erachtens Eisewicht nicht eingelöst hat).
Festina lente...
Hallo Martin, hallo "Gruppe"
ich möchte zu deinem Typ I - der Individualismuskritik - nur kurz anmerken, dass man hier sicherlich auch mit Durkheim rangehen könnte. Der die Ursache der Phänomens der Anomie, also der Unsicherheit über Werte oder gar das Fehlen derer, letztlich in der immer mehr fortschreitenden Arbeitsteilung und Ausdifferenzierung der Gesellschaft sah. Menschen ist wohl der Sinn für das gemeinschaftliche abhanden gekommen, so das in einer Massengesellschaft der Zwang zur Distinktion besteht... Und was könnte das wohl besser vermitteln als der Unterschied zwischen Gut und Böse? So einfach und doch so effektvoll...
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